Kaisers neue Kleider   Leave a comment

© Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

Dann wandte er sich noch einmal gegen den Spiegel …

Mir verschwimmt gerade die Vorstellung von Realität. Das Verhalten unserer Politiker von CDU und SPD, die Reaktionen auf das Video von Rezo. Und dann diskutieren sie noch so ernsthaft darüber bei Anne Will und Plasberg. Sagt mir bitte, dass es nicht wahr ist!

Ich habe gerade die Vorstellung, man hätte diese Politiker kurzerhand in einem Seniorenheim eingesammelt, wie die Teilnehmer einer Kaffeefahrt, schon ein wenig wackelig auf den Beinen wie auch im Kopf, so wie sie sich anstellen.

Ich mag so sehr die Geschichten von Hans Christian Andersen. Sie sind voller feiner Ironie, getarnt als Kindermärchen. Jetzt denke ich an „Des Kaisers neue Kleider“, wo erst das kleine Mädchen es laut ausspricht: „Aber er hat ja gar nichts an!“

So scheint es mir mit dem Video von Rezo zu sein. Er sagt doch wirklich nur, was die Spatzen längst von allen Dächern pfeifen. Da war rein gar nichts, was ich beim Anschauen gerne nochmals bewiesen haben wollte. Schon dass man das alles nochmals nachprüfen wollte, war oberpeinlich. Wie ein Faktencheck, ob heute Morgen wieder die Sonne aufgegangen ist. Ja, jetzt ist es wissenschaftlich bewiesen: unser Kaiser ist wirklich nackt. Aber diesmal ist es nicht die feine Ironie eines Dichters.

Und die Unions-Granden hatten plötzlich keine Worte mehr. Oh, wie sehr haben sie sich vor unser aller Augen selbst entblößt. Und sie selbst spüren ihre Nacktheit nicht mehr.

In meiner Schulzeit haben die Schüler in den Theatergruppen mit großer Spielfreude absurdes Theater aufgeführt, ich erinnere mich zum Beispiel an „Die kahle Sängerin“ von Eugène Ionesco. Wir hatten viel Spaß damals und mussten herzhaft lachten, aber es war schon zu jener Zeit ein Lachen über dem Abgrund.

So fühle ich mich auch heute, aber nun sind es keine Schüleraufführungen mehr, die ich beobachte. Die Akteure sind heute aus dem Alter schon lange raus!

© Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

»Aber er hat ja gar nichts an!« rief plötzlich ein kleines Kind.

Ich weiß nicht, ob die Geschichten von E.T.A Hoffmann aus der Zeit der Romantik soweit bekannt sind. Sie fangen ganz real an, und gleiten unmerklich ins skurrile und groteske über. Man kennt die Motive teilweise aus der Oper „Hoffmanns Erzählungen“ von Jacques Offenbach. Aber ich denke gerade an den „Goldenen Topf“und den Studenten Anselmus, der „am Himmelfahrtstage, nachmittags um drei Uhr, über den Dresdner Marktplatz rennt“ und dabei voller Ungeschick die Körbe einer alten Frau umstößt, wo dieses Changieren vom Realen ins Fantastische und wieder zurück sich meisterlich durch die ganze Erzählung zieht.

Und jetzt lebe ich in einer solchen Geschichte und weiß nicht, ist mein Erleben noch real oder schon Teil einer irrsinnigen Geschichte? Im Theater kommt irgendwann die Stelle, wo der Vorhang fällt und die Schauspieler wieder in die Realität eintreten, wo wir ihnen Beifall klatschen. Das Licht im Saal geht an.

Aber ich warte seit langem vergeblich. Das Stück geht noch immer weiter …

Veröffentlicht 28. Mai 2019 von Michael in Gedankensplitter

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Maria 2.0   Leave a comment

Nun gibt es diese Bewegung „Maria 2.0“. Und ich schöpfe neue Hoffnung. Seit ich mich mit 22 Jahren aus Gewissensgründen gezwungen sah, aus der katholischen Kirche auszutreten, suche ich für mich, meinen Glauben, eine Heimat. Geborgenheit. Damit auch einen Ort fern von Missbrauch, sexuell, physisch, seelisch, strukturell, wie auch immer. Einen Ort des Vertrauens.
Ich habe lange darüber nachgedacht, auch vor vielen Jahren das Männerzentrum besucht. Aber das war nicht meine Welt. Schließlich habe ich mich gefragt, was machen denn die Frauen, wenn sie so zusammensitzen? Und warum sollen dann keine Männer dabei sein? Was ist anders, wenn ich als Mann dabei bin? Also musste ich erst mal lernen, mich zurückzunehmen und mich unsichtbar zu machen.

Der Ort meiner Wahl war das Frauenmuseum. Dabei kam ich natürlich auch mit all den Göttinnenfiguren aus der Vergangenheit in Berührung, Ischtar, Anat, Astarte, … Doch lebe ich nicht in jener Vergangenheit, sondern heute. Und ich fragte mich, wo diese mächtige Göttin wohl heute zu finden ist?

Das hatte ich von den Frauen gelernt: es gibt einerseits die männerbündische „Macht über“, die Knechtschaft verhei­ßende Macht über andere, aus der jener unglückliche Satz gewachsen ist: „Macht euch die Erde untertan!“ Im Gegensatz dazu steht die „Macht zu“: eine schöpferische Macht zu gestalten, zu verändern, die unbändige Kraft der Natur. Sie beruht auf Kreativität, und bedeutet für mich „Evolution“! Weiterentwicklung, an der ich teilhaben darf!

Die Kirche meiner Kindheit ist die Frauenfriedenskirche, zwischen den beiden Weltkriegen als Bollwerk gegen die zerstörerische Männerdominanz erbaut. An dieser Kirche fand ich die Statue der Himmelskönigin, die weitaus größte Marienfigur, die ich kenne.

Es gibt eine weitere Marienstatue mitten in unserer Stadt. Es ist ein Ort der Stille, der inneren Einkehr. Hier beten die Menschen, sprechen sie ihre Fürbitten aus, hier stellen sie ihre Blumen auf, hier zünden sie die Kerzen an: Tag für Tag ein lebendiges Lichtermeer! Auch hier steht Maria im Freien, durch ein Vordach geschützt. Ich muss an die biblische Weihnachtsgeschichte denken: Es war kein Raum in der Herberge. Ja, der eifersüchtige Gott verteidigt unbarmherzig seinen Platz!

Aber vielleicht braucht die Himmelskönigin in ihrem blauen Sternengewand diesen Platz auch nicht. Ihr Dach ist das Himmelsgewölbe. Freilich können wir heute durch die Lichtverschmutzung den Himmel nicht mehr dermaßen als „Feste“ wahrnehmen. Als Kind aber konnte ich noch an einer dunklen Stelle zwischen den Vororten nachts die Milchstraße sehen. Warum also der Himmelskönigin, Maria, Regina Coeli, Stella Maris, nicht ihren dunkelblauen Sternenmantel umhängen und ihr den angestammten Platz wiedergeben? Warum keine Rückbesinnung, wie es uns das Alte Testament nahelegt: Als wir noch der Himmelskönigin räucherten und opferten, hatten wir Frieden und kannten keine Not!

Ich habe im Kreis meiner Freundinnen gefragt: Was bedeutet dir dein Glaube? Und ich erhielt als Antwort: „das war, als ich mit meiner Großmutter in der Maiandacht saß“. Auch meine Oma hat mir ein solches warmherziges Bild vermittelt. Ihre Lieblingslieder waren Marienlieder, allen voran „Meerstern, ich dich grüße!“ Wie vielen Menschen, speziell Frauen, hat wohl in dunkler Zeit der Meerstern als Orientierung geleuchtet? Dieser Glaube hatte nichts von der Strenge des Katechismus und des Beichtspiegels. Da war kein Raum für Sünde und Abgeltung. Kein Erforschen der kindlichen Seele: ich habe Unrecht getan, in Gedanken, in Worten und in Werken! Lieber Gott! Ich war doch noch ein Kind!

Ich frage mich, warum streben nun Frauen danach, diese patriarchalen Männerpositionen mit Gewalt zu erobern? Warum den altväterlichen Klerus in seinem Niedergang noch stärken? Eine heimliche Sehnsucht nach Teilhabe an einem System des Missbrauchs? Anstelle von Maria 2.0 nun Klerus 2.0? Hat der Sohn der Himmelskönigin seine Kirche nicht ohne Bischöfe und Päpste gegründet? Hat nicht gerade er damals alle Pharisäer und Geldwechsler aus dem Hause seines Vaters geworfen?

Als Jesus verurteilt und verlassen am Kreuz hing, waren es mutige Frauen, die zu ihm standen. Wo sind diese Frauen heute? Ich dachte, die Zeiten, wo Frauen die Männer fragen müssen, wenn sie was vollbringen und ihre Herzensanliegen realisieren wollen, seien seit einigen Jahren vorbei.

Die großen Kathedralen des Mittelalters, wie viele tragen nicht stolz ihren Namen: Notre-Dame, Frauenkirche, Unserer lieben Frau. Das ist mehr als eine Äußerlichkeit. Warum sie also nicht wieder hineintragen und ihr den Platz geben, der ihr gebührt? Seit Jahren, seit Jahrhunderten, seit Jahrtausenden.

Selbsthilfe   Leave a comment

Ich habe an der Wand ein Bild aus einzelnen Puzzleteilen hängen. Teile, die ineinander verhakt sind und so als Gesamtheit einen Zusammenhalt bilden. Das Bild wurde mir einst von meiner Selbsthilfegruppe geschenkt. Jedes Teil steht für einen bestimmten Menschen und trägt einen ganz persönlichen Wunsch. Das Bild symbolisiert den Zusammenhalt in der Gruppe und ihre Beständigkeit. Es steht viel über die Jahre gewachsenes Vertrauen dahinter und Verständnis, und damit für überwundene Berührungsängste und Scham. Die Gruppe steht auch für sich etwas trauen und selbst aktiv werden. Ein Bund gegen das Gefühl, mit seinen Empfindungen und Gedanken so ganz alleine auf der Welt dazustehen. gegen die Vorstellung: niemand im ganzen Universum kann mich verstehen. Ein wertvoller Schatz.

Das waren die Zeiten, als es noch kein Facebook, Twitter, Instagram gab. Kein #metoo. Als man sich noch selbst aus dem Haus bewegen musste, um jemanden persönlich zu treffen. Mitgefühl konnte man durch Anteilnahme ausdrücken und war nicht auf Smileys und Emoticons angewiesen.

Gruppentreffen sind für mich immer ein Akt der gegenseitigen Wertschätzung. „Du bist es mir wert, meine Hemmungen zu überwinden und die Mühe auf mich zu nehmen, den Treffpunkt aufzusuchen.“

Ich habe den Eindruck, die Selbsthilfebewegung ist augenblicklich auf einem Tiefpunkt. Die zahlreichen Möglichkeiten im Internet miteinander Kontakt aufzunehmen, gaukeln einem eine leicht zu erreichende menschliche Nähe vor. Warum also soll man sich bemühen?

Ich glaube, die Reichhaltigkeit einer Beziehung zwischen Menschen ist etwas, was man nur unmittelbar erfahren kann, Auge in Auge. Mit allen Sinnen. Zuhören und Gehört werden. Die Verbindlichkeit erleben. Eine Umarmung, ein Händedruck. Das Gefühl des Angenommen-seins, so wie man gerade ist. So viele Menschen haben eine fast unstillbare Sehnsucht danach.

Verachtung   Leave a comment

 


Es ist schon komisch. Jetzt jammern so viele, dass es nicht mehr genügend Handwerker gibt, man wartet auf einen Termin länger als beim Facharzt. Viele Betriebe finden nicht genügend qualifizierte Mitarbeiter. Lehrstellen können nicht besetzt werden, da müssen sich die Lehrherren schon was einfallen lassen, um die Schulabgänger anzulocken.

Dabei haben sie jahrzehntelang die Menschen, die einen Handwerksberuf ergreifen wollten, geradezu verächtlich gemacht und verhöhnt. Alle sollten möglichst Abitur machen und studieren. Unsere Kinder sollten es „einmal besser haben als wir!“ Menschen mit Hauptschulabschluss wurden als „Bodensatz“ der Gesellschaft betrachtet. Ich weiß noch, wie das alles umschlug. Auf einmal brauchte man für eine Banklehre Abitur. Banklehre war halt ein Beruf, bei dem man sich nicht die Hände schmutzig machte. Doch oft wurde ein wichtiger Grundsatz vergessen: jeder kann Abitur machen und studieren, aber nicht alle.

Ich bin ein sehr haptischer Mensch, fasse gerne Dinge an. Um etwas zu „begreifen“, nehme ich es am liebsten in die Hand. Kühles Metall, eine polierte Oberfläche, das Holz eines Tisches oder Schranks, die raue Rinde eines Baumes. Ich grabe mit meinen Fingern im Erdreich des Waldes und rieche den Duft der zu Humus zergangenen Blätter, halte meine Hände in das frische Wasser eines fließenden Baches.

Wie gern nehme ich einen Tonklumpen in die Hand, wäge ihn hin und her, bevor ich ihn forme nach meinem Belieben. Ich genieße es zuzuschauen, wie er in meinen Händen langsam Gestalt annimmt.

In meiner weiteren Verwandtschaft war ein Schmied. Wie gerne habe ich ihm als Kind zugeschaut, wenn unter seinen Hammerschlägen die Funken sprühten, glühendes Eisen langsam die gewünschte Form annahm, lauschte dem Klang des Schmiedehammers. Da war der Geruch verbrannten Horns, wenn er ein Pferd beschlug.

Mein Onkel arbeitete in einer Schuhmaschinenfabrik. Ich erinnere mich an einen Saal voller Drehbänke, da war der Geruch von Öl, Eisenspänen, Teile, die langsam Gestalt annahmen, von einer Kiste in eine andere wanderten. In der Schlosserei wurden Rohre verschweißt, Nähte glatt geschliffen. Der Schreiner, der die Holzplatten über die Säge schob oder Bretter durch die Hobelmaschine. Bilder steigen in mir auf, Erinnerungen an die typischen freiwerdenden Gerüche je nach Holzart. Wenn er zuletzt nochmals den Hobel in die Hand nahm, die Späne sich in Locken aus dem Hobel wanden und schließlich zu Boden fielen.

Kindheits- und Jugenderinnerungen an eine sinnliche, dreidimensionale Welt, wenn ich tagelang durchs Deutsche Museum in München zog, voll mit Dingen aus einer Zeit, als alles noch verziert und elegant geschwungen sein musste, egal ob es ein Fenster eines Hauses war, das Seitenteil einer Nähmaschine, ein Treppengeländer, die Lehne eines Stuhles.

Ich kenne noch den Ausdruck des Stolzes im Gesicht, die Befriedigung, wenn dem Meister wieder etwas gelungen war. Egal, welche Fachrichtung es betraf. Ich war ein Kind, das mit offenen Augen und offenen Sinnen wissbegierig durch die Welt zog, das staunte ob der vielfältigen Wunder, die ihm dabei begegneten.

Auf einmal war alles das nichts mehr wert. Die großen Gebäude der Manufakturen waren nutzlos geworden und wurden oft abgerissen, dem Erdboden gleichgemacht. Handwerk war nicht mehr geschätzt. Vor allem kein Beruf, bei dem man sich die Hände oder die Kleidung schmutzig machte. Alle sollten der Exzellenzinitiative verfallen und an Elite-Unis studiert haben. Da muss man sich heute nicht wundern.

Seither freue ich mich, wenn ich wieder Menschen entdecke, die mit ihrem Handwerk, ihrem Fachwissen ihr Geld verdienen.

Veröffentlicht 4. April 2019 von Michael in Gedankensplitter

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Forscherinnen   Leave a comment

Diese Woche kommt um 8 Uhr morgens auf Arte eine Sendereihe über „Frauen und Ozeane“.
Ich finde es faszinierend!
Am Montag war es Antje Boetius, die eine Expedition in die Arktis leitete,
wo sie in 4000 m Tiefe nach Methan fressenden Mikroorganismen forschte.
Was für mutige Frauen.

Heute berichtet Sylvia Earle, Ozeanografin:
„Ich kann mich erinnern, wie meine Mutter mir sagte:
du kannst Krankenschwester werden oder Lehrerin.
Ich kann mich nicht erinnern, dass sie gesagt hätte, du kannst Schuldirektorin oder Arzt sein.
Oder ganz aufregend: Stewardess, nicht der Pilot.
So war das eben damals.
Mir kam aber der Gedanke nie, dass ich nicht der Pilot sein könnte. Oder Wissenschaftler.
Ich wollte Wissenschaftlerin sein. Das war einfach nie eine Frage.“

Ich hatte als junger Mensch so viele Pläne! Aber nie hatte ich den festen Glauben, sie auch wirklich zu realisieren.
Ich habe mutig angefangen, aber dann kamen immer die Zweifel angekrochen:
du darfst das nicht! Du bist nicht dafür geboren. Schuster, bleib bei deinen Leisten.
Wenn es dem Ochsen zu wohl ist, geht er aufs Eis. Da war mir mein Scheitern in den Schoß gelegt!
Das macht mich heute so verzweifelt und traurig, weil es so unnötig war.

Ich denke an die Elefanten, die man in ihrer Jugend angekettet hatte, und die später
mit einem Bindfaden angebunden vergessen haben, wie leicht sie weglaufen könnten.
Aber sie kommen nicht mal mehr auf die Idee, es zu versuchen.

Man hat uns schon mit einem Mühlstein um den Hals ins Leben geschickt. Ein Mühlstein als Schwimmreifen!
Nun sitze ich hier auf meine alten Tage und überlege, was ich mit dem Rest anfangen kann.
Ein Scherbenhaufen.

Da finde ich es ermutigend, dass es Frauen gibt, die aufs Meer hinaus fahren, weil es für sie selbstverständlich ist,
die nicht mal festen Boden unter den Füßen brauchen, um ihren Weg zu finden ins Leben hinaus,
weil ihre Wurzeln in ihnen selber ankern.
Frauen, die Vorbild sein können.

Der Rebell, der immer brav sein musste   Leave a comment

Die Figur des Kasper war seit früher Kindheit mein großes Lebensvorbild. Ein Narr wie Till Eulenspiegel, der sich im Besitz der Narrenfreiheit über die Normen des bürgerlichen Lebens hinwegsetzte, war meine Lebensrolle. Doch war mir der Kasper mit seiner unbändigen Lebensfreude und Lebenslust wesentlich näher.

Aufgewachsen in der Enge der 50er Jahre mit ihren Zwängen und Moralvorstellungen — die Erwachsenen litten noch an der Erstarrung der vergangenen beiden Jahrzehnte — war das für mich vor allem eine Möglichkeit, mir etwas Spielraum zu verschaffen.

Erstes Ziel meiner Erziehung war: „Der Dickkopf muss gebrochen werden!“ Speziell mein Großvater fühlte sich dafür verantwortlich, mir einen Lebenswandel in ständiger Bravheit und Angepasstheit einzubläuen. Der Pfarrer vervollkommnete das durch seine Idee mit der Erbsünde, die schon den kleinen Säuglingen als lebenslange Bürde in den Rucksack gesteckt wurde: „Oh Herr, ich habe gesündigt. In Gedanken, in Worten und in Werken.“ Ich erinnere mich noch, wie ich mit schlechtem Gewissen im Beichtstuhl kniete und meine Kindersünden beichtete. Jedoch war da in der Welt meiner Gedanken ein weiter Freiraum, von dem meine Vorfahren nichts wussten, und den sie zu meinem Glück also auch nicht beschränken konnten. Die Gedanken sind frei. Meine Großeltern stammten vom Land. Da war es nicht üblich, sich ständig um die Kinder zu kümmern, sie zu kontrollieren und zu beaufsichtigen, so lange sie nur brav waren und nicht zu übermütig.

Hier sprang der Kasper ein mit seiner Unbotmäßigkeit. Er durfte immer wieder über die Stränge schlagen, sogar den Schupo foppen, und blieb doch irgendwie ein netter Kerl und Teil der Gesellschaft. In gleicher Weise durfte auch ich meinen Ärger loswerden, widerspenstig sein. Kasper ist durch seine Begleitfiguren Gretel, Großmutter, Tod und Teufel, aber auch Prinzessin und Krokodil, ganz anders in die Gesellschaft eingebunden als ich es mit meinem eher introvertierten Wesen damals erlebte.

Kasper war für mich immer der Kerl, der unbekümmert und allen Schicksalsschlägen zum Trotz mit seinem Lachen und seinen Launen, seiner Narretei am Ende triumphiert hat, der immer eine lustige und groteske Seite im Leben gefunden hat. Und diese Einstellung zum Leben gibt er mit vollen Händen an sein soziales Umfeld weiter. Heute würde man diese wertvolle Einstellung wohl mit „Resilienz“ bezeichnen.

Von meiner Klassenlehrerin bekam ich zum Abschied nach der vierten Klasse mit dem Wechsel ins Gymnasium das Buch vom Pinocchio geschenkt. Ich kann mich noch daran erinnern, als sie mich am letzten Tag nach der Schule auf dem Nachhauseweg begleitete, plötzlich in ihre Tasche griff und mir das Buch überreichte. Dieser Moment hat mich sehr berührt.

Im Gegensatz zum Kasper konnte Pinocchio jedoch nie eine Leitfigur für mich sein. weil er mit Hilfe einer Fee stets zu moralischem Verhalten genötigt wurde. So war er angehalten, seine Freiheiten und seine Ungezügeltheit abzulegen. Dafür wurde er aus einer Holzpuppe in einen braven und angepassten Jungen aus Fleisch und Blut verwandelt. Nein, diese Geschichte ging mir doch sehr gegen den Strich, es gab schon zu viele angepasste und verängstigte Kinder.

Aber weiter beim Kasperle: Natürlich legte ich mir im Lauf der Jahre die Kasperle-Bücher von Josephine Siebe zu: Kasperle auf Reisen, Kasperle auf Burg Himmelhoch und wie sie alle hießen. Dieses uralte Kasperle purzelte lange Zeit durch meine inneren Landschaften.

Ein weiterer Held meiner Kindheit war Till Eulenspiegel, der die Leute in seinem Heimatdorf mit seinen Späßen und Narreteien immer wieder zum Lachen brachte, sie oft aber auch ärgerte und foppte. Aber dann wurde ihm doch nach einer Weile wieder alles verziehen.

Auf meine Bitten hin hatte mir meine Mutter zum Fasching ein tolles Tillskostüm geschneidert, schön in rot und grün gehalten, richtig mit zwei Hörnern und einer Menge Schellen. Da war ich mächtig stolz! Die anderen Kinder konnten zwar mit der Figur nichts anfangen, sie waren lieber Trapper oder Cowboys. Aber ich spielte als eher introvertiertes Kind ohnehin häufig alleine. Alleine, aber nicht einsam. Meine Erlebnisse fanden mehr in meinem Kopf statt, wenn ich einmal nicht wie so oft draußen durch die Gegend und die Natur, die Felder streifte.

Zu meiner Zeit im Gymnasium war es üblich, dass, unabhängig vom Lehrkörper, in jeder Klasse eine Band spielte oder eine Gruppe Kabarett machte. Es war die hohe Zeit der Lach- und Schließgesellschaft mit ihren pointierten Nummern, die für uns Vorbild war: Dieter Hildebrandt, Sammy Drechsel. Daran maßen wir unsere selbst geschriebenen Texte. Der Till der Mainzer Fassenacht samt dem Bajazz mit der Laterne sicher auch, aber sie waren so feinsinnig. Da fehlte mir das grob Holzschnittartige, wo man sich wohl auch mal einen Schliffer hätte einziehen können. Peter Frankenfeld mit seiner Bastelstunde schenkte uns dagegen mit seinen Späßen und Absurditäten viel Freude. Wenn ich ihn heute mal wieder höre, muss ich immer noch genau wie damals lauthals lachen. Wir wollten keine Helden verehren und bewundern, sondern rebellieren. Ungehorsam gegen Obrigkeiten. Wir setzten die Lust an der Anarchie im Geiste eines Kaspers, eines Eulenspiegels fort. Wir lasen von Summerhill, von antiautoritärer Erziehung. Wenn uns die Erwachsenen warnten: „Wenn jeder machte, was er will, wo kämen wir denn da hin?“ Nun, wir waren erstmals bereit, es auszuprobieren!

Was ich zu jener Zeit erfuhr, war die große Achtung der Erwachsenen und Respektspersonen vor der „Kunst“. In der Kunst, so meine Erfahrung, war (innerhalb weiter Grenzen) alles erlaubt! Aus der Anfangszeit des 20. Jahrhunderts wehte da so einiges zu uns herüber. Dadaismus, abstrakte Bilder, die Gestaltungskraft eines Picasso, George Antheil mit seinem „Ballet Mécanique“. In der Musik fegte der „Bruitisme“ die letzten Reste von Wohlklang und Harmoniewünschen zur Seite. Schreibmaschinengeklapper, Dampfertuten, Pistolenschüsse nahmen ihren Platz im Orchester ein. Nach dem zweiten Weltkrieg führte es Pierre Schaeffer mit seiner „musique concrète“ fort. Erik Satie, Charles Ives und insbesondere John Cage als die neuen „Trickster“, die die Leute auch mal vor den Kopf stießen.

Leider gewann meine katholisch-konservative, strenge Erziehung im Laufe der Zeit für viele Jahre wieder die Oberhand. Mir fehlte ein ermutigendes lebendes Vorbild aus Fleisch und Blut! Ich war ein zwar wortgewandtes, aber ein eher eingeschüchterten Menschenkind geworden.

Mit Ende 30 geriet ich in eine schwierige Lebensphase. Zu meinem Mut habe ich erst wieder gefunden, als ich mich wieder an meine alten Vorbilder erinnerte: den Till und das Kasperle. Zwischen seinen Purzelbäumen vergisst er nie seine Fähigkeit zum aufrechten Gang, jenes „nimmer sich beugen!“. Die Freiheit, die sie sich nahmen, den Menschen die Wahrheit unverblümt ins Gesicht zu sagen, mag sie auch oft unbequem erscheinen. Ich machte aufs Neue die Erfahrung (und mache das auch immer noch): Wieder hören mir die Menschen gerne zu. Aber heute habe ich den Mut, über andere, mir wichtige Dinge zu reden. Auch wenn es dabei oft um Missbrauch und Gewalterfahrung geht, gibt es in meinen Vorträgen immer wieder ein befreiendes Lachen. Da hat mich der Kasperle einiges gelehrt.

Das hatte ich lange Zeit vergessen: auch in späteren Jahren darf man noch ausgelassen sein und unangepasst, man darf über die Stränge schlagen, auch um neue Sachen, Verhaltensweisen auszuprobieren und sich so als Teil der Evolution begreifen, die keinen Stillstand kennt. Ich bemühe mich, endlich der Rebell zu sein, der unerträgliche Dinge nicht mehr länger bereit ist zu ertragen.

Respekt   Leave a comment

Kasperle-Puppen: Kasper und Gretel haben ihre eigene Ethik, auch der Schupo gehört mit dazu

Zur Zeit wird so viel geschimpft über Menschen, die übergriffig werden gegen Rotkreuz-Helfer, Sanitäter, die Feuerwehrleute und Polizeibeamte behindern, die keine Rettungsgasse freihalten mögen, aber dafür lieber Unfallopfer in ihrer hilflosen Situation filmen. Der Rettungsheli kann ja warten.

Ich habe überlegt, woher das kommen könnte. Wo könnte ein solches Verhalten seine Wurzeln haben?

Eine Sache, die mir schon lange aufgefallen ist, ist der bereits von oben her fehlende Respekt im Umgang miteinander. Unsere Politiker stellen sich hin und belügen uns schamlos. Ich glaube, früher haben sie noch versucht, es zu verbergen. Da habe ich noch überlegen müssen: stimmt das, was er sagt, überhaupt?

Heute spricht man ganz offen und ungeniert von alternativen Fakten. Da weiß ich, dass mich die Masse der Politiker und viele Wissenschaftler ganz ohne jede Scham belügen. Ich muss nur überlegen, wo genau ist der Punkt? Wo ist das Interesse dahinter? Eine Lüge kann mich auf eine falsche Fährte locken wollen. Sie kann sogar wahr sein. Es gibt einen eigenen Paragrafen dafür (§118 BGB).

Im Kapitalismus muss alles mit einem Wert in harter Münze beziffert werden. Entsprechend diesem Wert werden Entscheidungen getroffen, ganz offensichtlich und unverhohlen im Dieselskandal. Das also verstehen unsere Politiker unter „Fördern und Fordern“: wie gerne halten sie die Hand auf, wenn es irgendwo noch was zu holen gibt (das ist das Fordern!), und wie freigiebig verteilen sie ihre Wohltaten an ihre Lobbyisten (Das ist das Fördern!).

Es zeigt sich, die Werte des christlichen Abendlandes, die immer so hoch besungen werden, sobald sich ein Mensch aus einem abweichenden Kulturkreis nähert, diese Werte sind in der geldwerten Bilanz auf null abgeschrieben. Sie haben nur noch Erinnerungswert.

Mit der „Moral“ wurde auch ein wesentlicher Teil der Ethik mit über Bord geworfen! Nicht alles, was nicht ausdrücklich verboten ist, ist erlaubt. Das wäre ja schlimm. Unsere Gesetzbücher, eh schon dick und unverständlich genug, würden überquellen.

Es ist gerade eine Zeit des „das wird man ja wohl noch sagen dürfen“s. Nein! Das darf man eben nicht. Worte schneiden schärfer als das Schwert. Wörter, gezielt eingesetzt, können so viel Unheil anrichten. Ein Messerstich mag nach einiger Zeit vernarben, ein böses Wort dauert an, auch wenn es scheinbar nur so leicht dahin gesagt wurde. „Ein paar hinter die Ohren haben noch keinem was geschadet!“ oder mit scheinbar göttlicher Weisheit: „Das Weib schweige in der Gemeinde!“ Dieser Spruch lähmt viele Frauen bis heute. Da stößt jemand die Debatte um Grenzwerte bei Feinstaub und Luftverschmutzung an, und sofort springt ein großer Teil der Bevölkerung drauf an, egal wie sehr die Tatsache dem Menschenverstand widerspricht. Solche verbalen Verfehlungen dürfen wir nicht länger verharmlosen und ungeahndet lassen!

Aus alle dem geht ein mangelnder Respekt im Umgang miteinander hervor von ganz oben. Ein Mangel, der sich wie ein Geschwür seinen Weg nach unten sucht. Da braucht sich niemand über zunehmende Rücksichtslosigkeit und Gewalt gegenüber sozialen Berufen zu wundern, wenn es so vorgelebt wird. Nein! Es darf nicht alles gesagt werden!