Gott ist doch kein Mann   Leave a comment

Ein paar besinnliche Gedanken zum bevorstehenden Fest.

Gerade habe ich im Radio eine Folge der Reihe „Religion Macht Politik“ angehört: „Gott ist doch kein Mann“ über die Rolle der Frau in der Religion. Angefangen bei Lilith.

Da ist es wieder, das gespaltene Bild meines Glaubens. In meiner Vorstellung ist das Bild ein sehr weibliches. Da sind die beiden Marienmonate Mai und Oktober, die Marienfeste, die vielen Kirchen, die ihr geweiht sind von „Notre Dame“ bis „Maria im Sand“. Wenn die Menschen beten, dann vor ihrem Abbild, hier brennen auch die vielen Kerzen. Wenn sie sich bedanken, hängen sie eine Tafel auf: „Maria hat geholfen“. Sie wallfahren nach Lourdes und Fátima. Ich denke an die vielen Statuen „Unserer Lieben Frau“. Jetzt an Weihnachten dominiert Maria mit dem Kinde. Das „männliche“ konzentriert sich sehr auf den Knaben auf ihrem Arm, und doch dominiert Maria als die eigentliche Schutzmacht.

Jedoch wenn ich mich frage: ist Maria katholisch, muss ich sagen nein! Sie hat in meiner Vorstellung etwas sehr ursprüngliches. Für mich schaut das Gesicht einer jungen kraftvollen, aber stammesgeschichtlich sehr alten Frau durch. Stella Maris, Meerstern. Nahezu zeitlos: „Von Ewigkeit zu Ewigkeit“. Allmählich aber „war kein Raum mehr in der Herberge“ für sie. Judentum, Christentum, Islam erscheinen mir wie eine flammhemmende Brandschutzdecke, die darüber gebreitet wird, um das Ursprüngliche zu ersticken. Die universelle Himmelsgöttin in ihren vielen Erscheinungsformen. Das Alte Testament berichtet uns vom Widerstand des Volkes: „Als wir noch der Himmelskönigin opferten, hatten wir Frieden und wir kannten keine Not!“

Ich spreche bewusst von einem ursprünglichen Bild und nicht von einem vorchristlichen. Denn in den monotheistischen Religionen mit ihrem eigentümlich eifersüchtigen Gottesbild sehe ich keine Weiterentwicklung, eher eine Verkrustung.

Wieder so eine Eigenart: man postuliert verschiedene Götter, die miteinander konkurrieren und um die Vorherrschaft kämpfen. Sie sind die Herren der Himmlischen Heerscharen. Das nennt man „Monotheismus“, denn in der jeweiligen Vorstellung darf es nur einen geben. Sie benötigen ihre Macht, um zu beherrschen, zu unterdrücken. Ein oft blutiger Wettstreit um den richtigen, den wahren Glauben.

Wie anders da die Macht der Himmelsgöttin: Macht zu handeln und zu gestalten, zu heilen und helfen, und aufzubauen.

Kann man das so sagen: Über den wärmenden, Geborgenheit spendenden dunkelblauen Sternenmantel der Himmelskönigin möchte die patriarchale Priesterschaft eine alles erstickende Brandschutzdecke breiten. Aber das alte Feuer schwelt noch, sorgsam gehütet von unseren Großmüttern, bereit jederzeit wieder aufzulodern.

Ein schöner wärmender Gedanke jetzt im WInter.

Adventszeit   1 comment


Da sitze ich hier an jenem ersten Advent hier, die Dämmerung zieht schon wieder herauf, und – wie soll ich sagen – schlage ein paar Seiten in der Fernseh-Mediathek auf. Eine Aufführung der Zauberflöte und noch ein bisschen Nussknackerballett. An diesem diesigen nieseligen Sonntag-Nachmittag lasse ich mich ein wenig verzaubern von der Theaterwelt mit ihren gleißenden Scheinwerfern, die mit ihren Lichtkegeln alle Schatten wegleuchten. Die Welt der Leichtigkeit, ein Abend lächelnd auf Zehenspitzen, die großen Sprünge, wenn der Prinz seine Ballerina mit seinen Armen auffängt. Pling plang. Tanz der Zuckerfee, Auftritt der Kinder, Schneeflockenwalzer. Die Pracht der bunten Gewänder, wenn sie im Drehen fliegen.

Ich denke an die Mühelosigkeit in den Aufführungen des Salzburger Marionettentheaters, die scheinbare Schwerelosigkeit der Puppen, Papagena aus der Zauberflöte ein schierer Federflausch, nur gehalten von ein paar dünnen Fäden. Oder gar die Leichtigkeit der Scherenschnittfilme, unbegrenzt durch die Naturgesetze unserer irdischen Physik.

Ich lasse mich von all den Illusionen gerne mitreißen, als ob es für ein paar kurze Minuten möglich und realisierbar wäre. Ein bunter Reigen der Hochstimmung voller Fantasie.


bauhausfrauen   Leave a comment

Hundert Jahre bauhaus. Gerade habe ich einen Beitrag über einen speziellen Teil seiner Geschichte aus der Reihe „Kulturzeit“angeschaut.
„bauhausfrauen: die vergessenen Pionierinnen einer Kunstbewegung“

„Lange nicht beachtet und später in Vergessenheit geraten, haben Frauen maßgeblich zur Erfolgsgeschichte des Bauhauses beigetragen.“ heißt es da.
Mir fallen Namen ein wie Walter Gropius, Mies van der Rohe, … Was ich erfahre: viel Feindschaft eines Männerbundes gegen Frauen. Hatten sie das nötig? Frauen wurden behindert, rausgeekelt. Gerade mal an die Webstühle durften sie sich setzen. Wieder mal bin ich enttäuscht.

Ich dachte früher: gut, das war halt damals so. Waren halt nicht so viele Frauen dabei. Architektur, Gestaltung, Möbel bauen, allesamt nicht so die Berufsfelder für Frauen. Dabei war beispielsweise das Entwerfen von Kleidung der Lebenstraum meiner Mutter. Wie gerne wäre sie Schneiderin geworden und auf die Modeschule gegangen. Ich kann mich noch gut an ihre gewagten Kostüme erinnern, die sie auf ihrer Nähmaschine gezaubert hat. An der Lust auf Kreativität und am Können der Frauen kann es sicher nicht gelegen haben.

Wieder mal erfahre ich: es war nicht das Desinteresse oder die vornehme Zurückhaltung der Frauen., dass sie dort nicht gleichberechtigt sichtbar waren. Es war die Angst, der Neid der Männer, der sie zurückdrängte. Wie nahezu überall, wo mann genauer nachschaut.

Was ist der Preis, den wir alle für die überholten Privilegien der Männer bezahlen? Ist es das wirklich wert? Oder sind sie nur einfach seit jeher ein Hemmnis in unserer Weiterentwicklung, persönlich und gesellschaftlich? Ich sehe mich wieder einmal bestätigt: Feminismus ist eigentlich eine Männersache.

Ein Arbeitsauftrag für uns! Wir Männer müssen noch viel nachholen.

Veröffentlicht 12. November 2018 von Michael in Gedankensplitter

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Herbst am Bodensee   Leave a comment


So lange hat der Sommer nun schon gedauert.
Darüber ist es Oktober geworden.
Noch immer ist es tagsüber warm.
Gestern noch in der Eisenbahn vorausgeeilt,
möchte ich heute einfach nur ankommen.
Warten, bis meine Seele mich wieder eingeholt hat.


Ich sitze still am Ufer des Sees
im Schatten eines großen alten Eichenbaumes.
Keine Uhr am Handgelenk,
kein Telefon, kein Internet.
Der Baum hinter mir lässt statt dessen
in ungewissen Abständen seine Früchte fallen,
verdeutlicht so, wie die Zeit verrinnt.
Tack … tack …… tack


Nicht weit von mir streckt sich eine Halbinsel in den See.
Die Bäume darauf wachsen noch in vielerlei Grüntönen.
Bald werden ihre Blätter wohl rot und gelb leuchten,
und schließlich eines nach dem anderen zu Boden segeln.


Die Wasseroberfläche des Sees ist fast glatt,
spiegelt mir die wandernde Sonne ins Gesicht.
Die Luft ist leicht diesig,
das Dorf gegenüber liegt in bläulichem Dunst.
Dadurch wirkt es so fern mit seinem Treiben:
Die Obsternte muss eingebracht werden!


Unterdessen schaue ich den wandernden Schatten zu.
Sie werden länger. Das Licht wird wärmer.
Eine Hügelkette bildet den Horizont.
Bald wird die Sonne sie berühren,
behutsam, leise – und doch unaufhaltsam,
schließlich dahinter eintauchen
und kurz den See in ein intensives Abendrot tauchen.


Unablässig fallen weiter Eicheln
im Rhythmus einer anderen Zeit
zwischen die Kiesel am Ufer:

Tack .. tack ……. tack …. tack

Veröffentlicht 13. Oktober 2018 von Michael in Uncategorized

Herbst   Leave a comment

maronen_01_600

Vor einiger Zeit ging der Sommer zu Ende.
Es war ein heißer und trockener Sommer.
Und er war voller aufregender politischer Ereignisse.
Aufregend im negativen Sinne.
Ereignisse, die für mich oft alles andere übertönt haben.
Da ich nicht über Politik schreiben möchte,
bin ich die ganze Zeit über still geblieben.

Oft sehne ich mich nach Veränderung.
Evolution ist in meiner Vorstellung das Ziel allen Seins.
Und ich fühle mich glücklich,
wenn ich daran teilhaben darf.
Dieser Sommer hat mir in unserer Gesellschaft vieles gezeigt,
was ich nicht möchte, was ich tief in meinem Inneren ablehne.

Da war zu viel Gewalt, Sturheit, Verhärtung;
lange Wochen, wo das Nachdenken aufgehört hat.
Diese Dinge haben sich bei unseren Politikern gezeigt,
der Klerus trägt es schon lange mit sich herum,
nun wurde es offenbar, er kann es nicht mehr verbergen,
aber auch in unserer Gesellschaft bricht sich etwas Bahn.
Es will als eine eine umfassende Bewegung erscheinen,
sich als gewaltiger reinigender Sturm präsentieren,
und ist doch eigentlich ein Nachlaufen den Rattenfängern.

Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, als das Wort „sozial“ wichtig war.
Sozial bedeutet Fürsorge, Obhut, Gemeinschaft, Ausgleich.
Sozialstaat, soziale Marktwirtschaft, Parität.
Leben und Handeln auf gleicher Augenhöhe.
Begriffe, die heute mehr denn je meine Vorstellung bestimmen.
Aber wir können uns nicht mehr darauf verlassen!
Wir müssen wieder selbst ins Handeln kommen.
Wege wachsen zu und geraten in Vergessenheit,
wenn wir sie nicht regelmäßig gebrauchen.

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Veröffentlicht 3. Oktober 2018 von Michael in Gedankensplitter

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Justiz muss opferbezogen werden!   Leave a comment

Justizia kehrt den Opfern ihren Rücken zu

Durch viele Gespräche und Beispiele aus der Praxis bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass in unserem Land eine „täterzentrierte“ Justiz herrscht. Die Täter erhalten viel Aufmerksamkeit sowie zahlreiche Unterstützungsleistungen unseres Rechtsstaates. Für sie gilt z.B. grundsätzlich (und zu Recht!) bis zu ihrer Verurteilung die Unschuldsvermutung. Die Opfer hingegen bleiben weitgehend alleine und auf sich selbst gestellt mit den schwerwiegenden und lebenslangen Folgen des Geschehens.

Ein schlimmes Beispiel ist der aktuelle NSU-Prozess, der sich durch zahlreiche Finten bereits über fünf Jahre hinschleppt. Zum Schutz der Täter kam noch die Vorverurteilung der Opfer über lange Zeit. Der Angeklagten wurde nun medienwirksam das letzte Wort zugestanden, während die Opfer und ihre Angehörigen lediglich als Zuschauer folgen konnten.

Wie konnte es dazu kommen? Unsere Justiz beruft sich auf das Strafgesetzbuch. Es folgt damit dem Rache- und Vergeltungsgedanken des Alten Testaments. Die Gedanken der Aufklärung und des Humanismus führten zwar zu einer Revision der Strafgesetze, zum Beispiel wurden Fragen zur Schuldfähigkeit und zur Resozialisierung gestellt. Die Unschuldsvermutung ist in den Menschenrechten verankert, schließlich kann eine einzige falsche Anschuldigung ein Leben zugrunde richten. Trotzdem gilt nach wie vor unsere ganze Aufmerksamkeit vor dem Strafgericht den Tätern. Sie und ihr Wohlbefinden stehen im Mittelpunkt des Prozesses. Was mit den Opfern und ihren Angehörigen/Hinterbliebenen geschieht, wird dabei eher selten gefragt, ja, sie werden häufig sogar als Störfaktor gesehen.

Aber was bedeutet beispielsweise die Unschuldsvermutung für die Opfer? Gilt für sie solange ein „Anzweiflungsgebot“? Wird ihre Version der Geschichte solange in Frage gestellt: „Vielleicht ist es dem Opfer ja nur so vorgekommen?“

In Strafprozessen wird deutlich: Für die Opfer ist vor Gericht kein Platz vorgesehen, höchstens in der Nebenklage. Zudem muss man Opfern noch immer raten, nur vor Gericht zu ziehen, falls sie wirklich stabil genug sind und ausreichende Unterstützung im sozialen Umfeld und durch engagierte Fachleute erhalten, sonst enden solche Prozesse für sie allzu oft in einer Retraumatisierung.

Der Bericht einer Sozialarbeiterin, die als Verfahrensbeistand in einem Missbrauchsprozess aufgetreten ist, hat mich erschüttert: „Noch während der Verhandlung hat der Richter telefoniert und dafür gesorgt, dass der Täter unmittelbar einen Platz mit psychologischer Betreuung in einer Einrichtung erhielt. Das traumatisierte Opfer dagegen muss sich selbst um seine psychologische Betreuung kümmern. Mit entsprechenden Kosten und Wartezeiten.“ Wer schon einmal einen Platz in einer kompetenten Traumatherapie gesucht hat, weiß, wie mühsam das in aller Regel ist.

Bei jedem Verkehrsunfall ist heute selbstverständlich: zuallererst erst bemüht man sich um die Opfer, um ihre Verletzungen, um die Verringerung ihres Leids, möglichst Vermeidung von Folgeschäden und um ihre psychologische Betreuung, Die Schuldfrage kommt erst an zweiter Stelle. Bei einer Straftat gilt das nicht. Warum?

Man kann eine Tat, gar einen Mord, nicht ungeschehen machen! Auch nicht durch eine harte Strafe für die Täter, davon haben die Opfer oder die Angehörigen herzlich wenig außer der Gewissheit, dass die Täter während der Haft nicht draußen herumlaufen und weitere Taten verüben können. Auch die Furcht der Opfer vor der Rache des Täters, ihre Angst vor Anfeindungen und Missbilligung ihnen gegenüber als „Nestbeschmutzer“ durch das Umfeld schädigen die Betroffenen. Die Opfer brauchen die alsbaldige Anerkennung ihres Leids sowie unsere Zuwendung und Unterstützung bei der Aufarbeitung! Wir sollten deshalb dringend darüber nachdenken, dass unsere Justiz ihren Blickwinkel stärker vom Täter auf die Opfer hin erweitern sollte. Die Opfer sollten die ihnen zustehende Aufmerksamkeit erhalten. Themen wie Schadensbegrenzung, Wiedergutmachung und Heilung sollten stärker in den Fokus genommen werden. Ein wichtiges Ziel sollte dabei die „Befriedung“ (Herstellung des Rechtsfriedens) auch für Opfer und deren Angehörige sein.

Hier ist ein gesellschaftliches Umdenken erforderlich. Es ist notwendig, dass Ursachen und förderliche Strukturen aufgedeckt werden, die den oft jahrelangen Missbrauch in Institutionen, aber auch in vielen Familien, erst ermöglicht und oft genug begünstigt haben. Ich denke jetzt an die großen Missbrauchsskandale (Odenwaldschule, Canisius Kolleg, Regensburger Domspat­zen, Missbrauch durch den Klerus, alle die vielen Kinderheime und Internate). Gerade die jüngsten Missbrauchsskandale in der katholischen Kirche mit ihren hohen moralischen Anspruch haben gezeigt, wie sich aus einer falschen Einstellung heraus (Schutz der Institution; falsche Scham; die Überzeugung, dass nicht sein kann, was nicht sein darf; Barmherzigkeit mit dem Täter) Vertuschung, Verleugnung und Verharmlosung entwickeln können. Und das ist der eigentliche Skandal!

Sobald man sich vom alleinigen Strafgedanken abwendet im Sinne einer opferbezogenen Justiz, ist es viel eher möglich, die vielen Mitwisser und Verharmloser, die das Delikt geduldet haben, endlich zur – zumindest moralischen – Verant­wortung zu ziehen, die Strukturen zu hinterfragen und eine langfristige Verhaltensänderung im Sinne einer umfassenden Prävention zu bewirken. Dazu müssen wir eine Kultur des Hinschauens und Zuhörens initiieren und für ein allgemeines und umfassenden Klima der Übernahme von gesellschaftlicher Verantwortung Einzelner sorgen!

Was sind Aspekte einer wirksamen Prävention? Das beschränkt sich nicht nur darauf, unsere Kinder zu ermutigen, „Nein“ zu sagen, wenn sie sich in einer Situation nicht wohlfühlen. Prävention erfordert letztlich auch, sich Gedanken zu machen über die feinen Wurzeln von Missbrauch und Gewalt in unserer Gesellschaft. Wissenschaftliche Untersuchungen enden oft in einer ungewissen und schwammigen „Dunkelziffer“. Hier endlich für belastbare Zahlen zu sorgen, die das tatsächliche Ausmaß häuslicher Gewalt verlässlich offenlegen, wäre mal ein – zugegebenermaßen schwieriger – Anfang.

Deshalb möchte ich gerne eine öffentliche Diskussion quer durch unsere Gesellschaft anregen!

Die Matriarchinnen sind müde geworden   Leave a comment

Für mein Leben, meine Bewusstwerdung als Mann, war der Feminismus sehr wichtig, weil für mich das übliche Männerbild und die daraus hervor gewachsenen Ansichten (wie „Eisenhans“ von Robert Bly, „Kleine Helden in Not“ von Schnack/Neutzling oder auch das Männerzentrum) kein Vorbild sein konnte. So schaute ich mal, wie das bei Frauen so lief, insbesondere wenn sie keine Männer dabei haben wollten. Ich erkannte, wie sehr eine Diskussion sich verschiebt, sobald ein Mann (oder in Männerrunden eine Frau) teilnimmt, so sehr er sich auch bemühen mag.

Ich begriff allmählich die Bedeutung von Blinden Flecken in der eigenen Wahrnehmung. Bereiche im Bewusstsein, die beim besten Willen nicht erkennbar sind, weil sie vom Verstand unbemerkt ausgebügelt werden. Die Vorstellung von eigenen Ich, mein Verhalten in der Gesellschaft. Die Fragestellung, wer bin ich überhaupt? Wer will ich sein? Der Zwang aus der Kindheit, immer „gut“ sein zu müssen, damit man mich mag.

Die zunächst bittere Erkenntnis, ich bin gar nicht so gut, wie ich mir immer einrede. Und dann zu bemerken, die anderen Menschen mögen mich so wie ich bin, tolerieren meine „Fehler“. Im Gegenteil, genau das ist es, was mich für sie lebendig werden lässt. „Werde ruhig einmal wütend, wir halten das aus!“ ermutigten sie mich. Die eingebläute Angst „wenn du das tust, passiert etwas ganz Schlimmes“ erwies sich als riesiger, am Leben in seiner ganzen Vielfalt hindernder Popanz!

Zum Glück bin ich von Natur aus ein neugieriger Mensch. Ich möchte erfahren, wie alles (oder doch ein möglichst großer Teil davon) zusammenhängt. In der Mechanik, der Technik war mir das bisher auch ganz gut gelungen. Aber im Zwischenmenschlichen hatte ich als introvertierter Mensch kaum Erfahrungen, hatte auch eigentlich keine rechte Vorstellung.

Wie konnte ich diese Lücken in meiner Wahrnehmung füllen? Ich war noch voll von den Ideen der siebziger Jahre. Viele Frauen bemühten sich um die Entdeckung eines eigenen Bewusstseins. Die patriarchale Welt war kein Naturgesetz mehr. Das war für mich ein guter Ansatz. Ich las Bücher über die Überwindung der „erlernten Hilflosigkeit“ von Nicky Marone und andere erhellende Schriften, allesamt aus weiblicher Sicht geschrieben.

Auf der Suche nach Erkenntnisgewinn tauchte ich künftig im Frauenmuseum auf, beim Frauengedenklabyrinth, bei der Uraufführung des Filmes über den Matriarchtskongress in Luxemburg, wo alle deutschsprachigen Rednerinnen versammelt waren. Die Sichtbarwerdung des Weiblichen bedeutete für mich auch das Sichtbarwerden meines eigenen Wesens.

Doch nun sehe ich nach wenigen Jahrzehnten: meine Leitbilder sind stehen geblieben, während die Entwicklung weiterging. Die vielgepriesene zyklische Abfolge „junge Frau“, „reife Mutter“, „weise Alte“ mit den zugeordneten Farben weiß, rot und schwarz wurde nicht umgesetzt. Sie stiegen auf von der Kämpferin zur Matriarchin, aber dort verharrten sie, anstelle ihr Zepter weiterzugeben an eine nachfolgende Generation. So wurden die Matriarchinnen unversehens zur „närrischen Alten“, zu Reptilien. Ihre „Töchter“ wurden nicht von ihnen inthronisiert, die mussten selber sehen, wie sie zurecht kamen. Wenn ich heute im Internet suche, muss ich andere Begriffe wählen. „Matriarchin“ bringt mich mittlerweile zu großen Säugtieren wie Elefanten.

Im Märchen von den drei Wünschen warnt die Fee: „Vergiss das Beste nicht!“ Ihr Rat wurde nicht wahrgenommen, übersehen. Wie war das mit den Blinden Flecken und dem Splitter im Auge der anderen?