Justiz muss opferbezogen werden!   Leave a comment

Justizia kehrt den Opfern ihren Rücken zu

Durch viele Gespräche und Beispiele aus der Praxis bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass in unserem Land eine „täterzentrierte“ Justiz herrscht. Die Täter erhalten viel Aufmerksamkeit sowie zahlreiche Unterstützungsleistungen unseres Rechtsstaates. Für sie gilt z.B. grundsätzlich (und zu Recht!) bis zu ihrer Verurteilung die Unschuldsvermutung. Die Opfer hingegen bleiben weitgehend alleine und auf sich selbst gestellt mit den schwerwiegenden und lebenslangen Folgen des Geschehens.

Ein schlimmes Beispiel ist der aktuelle NSU-Prozess, der sich durch zahlreiche Finten bereits über fünf Jahre hinschleppt. Zum Schutz der Täter kam noch die Vorverurteilung der Opfer über lange Zeit. Der Angeklagten wurde nun medienwirksam das letzte Wort zugestanden, während die Opfer und ihre Angehörigen lediglich als Zuschauer folgen konnten.

Wie konnte es dazu kommen? Unsere Justiz beruft sich auf das Strafgesetzbuch. Es folgt damit dem Rache- und Vergeltungsgedanken des Alten Testaments. Die Gedanken der Aufklärung und des Humanismus führten zwar zu einer Revision der Strafgesetze, zum Beispiel wurden Fragen zur Schuldfähigkeit und zur Resozialisierung gestellt. Die Unschuldsvermutung ist in den Menschenrechten verankert, schließlich kann eine einzige falsche Anschuldigung ein Leben zugrunde richten. Trotzdem gilt nach wie vor unsere ganze Aufmerksamkeit vor dem Strafgericht den Tätern. Sie und ihr Wohlbefinden stehen im Mittelpunkt des Prozesses. Was mit den Opfern und ihren Angehörigen/Hinterbliebenen geschieht, wird dabei eher selten gefragt, ja, sie werden häufig sogar als Störfaktor gesehen.

Aber was bedeutet beispielsweise die Unschuldsvermutung für die Opfer? Gilt für sie solange ein „Anzweiflungsgebot“? Wird ihre Version der Geschichte solange in Frage gestellt: „Vielleicht ist es dem Opfer ja nur so vorgekommen?“

In Strafprozessen wird deutlich: Für die Opfer ist vor Gericht kein Platz vorgesehen, höchstens in der Nebenklage. Zudem muss man Opfern noch immer raten, nur vor Gericht zu ziehen, falls sie wirklich stabil genug sind und ausreichende Unterstützung im sozialen Umfeld und durch engagierte Fachleute erhalten, sonst enden solche Prozesse für sie allzu oft in einer Retraumatisierung.

Der Bericht einer Sozialarbeiterin, die als Verfahrensbeistand in einem Missbrauchsprozess aufgetreten ist, hat mich erschüttert: „Noch während der Verhandlung hat der Richter telefoniert und dafür gesorgt, dass der Täter unmittelbar einen Platz mit psychologischer Betreuung in einer Einrichtung erhielt. Das traumatisierte Opfer dagegen muss sich selbst um seine psychologische Betreuung kümmern. Mit entsprechenden Kosten und Wartezeiten.“ Wer schon einmal einen Platz in einer kompetenten Traumatherapie gesucht hat, weiß, wie mühsam das in aller Regel ist.

Bei jedem Verkehrsunfall ist heute selbstverständlich: zuallererst erst bemüht man sich um die Opfer, um ihre Verletzungen, um die Verringerung ihres Leids, möglichst Vermeidung von Folgeschäden und um ihre psychologische Betreuung, Die Schuldfrage kommt erst an zweiter Stelle. Bei einer Straftat gilt das nicht. Warum?

Man kann eine Tat, gar einen Mord, nicht ungeschehen machen! Auch nicht durch eine harte Strafe für die Täter, davon haben die Opfer oder die Angehörigen herzlich wenig außer der Gewissheit, dass die Täter während der Haft nicht draußen herumlaufen und weitere Taten verüben können. Auch die Furcht der Opfer vor der Rache des Täters, ihre Angst vor Anfeindungen und Missbilligung ihnen gegenüber als „Nestbeschmutzer“ durch das Umfeld schädigen die Betroffenen. Die Opfer brauchen die alsbaldige Anerkennung ihres Leids sowie unsere Zuwendung und Unterstützung bei der Aufarbeitung! Wir sollten deshalb dringend darüber nachdenken, dass unsere Justiz ihren Blickwinkel stärker vom Täter auf die Opfer hin erweitern sollte. Die Opfer sollten die ihnen zustehende Aufmerksamkeit erhalten. Themen wie Schadensbegrenzung, Wiedergutmachung und Heilung sollten stärker in den Fokus genommen werden. Ein wichtiges Ziel sollte dabei die „Befriedung“ (Herstellung des Rechtsfriedens) auch für Opfer und deren Angehörige sein.

Hier ist ein gesellschaftliches Umdenken erforderlich. Es ist notwendig, dass Ursachen und förderliche Strukturen aufgedeckt werden, die den oft jahrelangen Missbrauch in Institutionen, aber auch in vielen Familien, erst ermöglicht und oft genug begünstigt haben. Ich denke jetzt an die großen Missbrauchsskandale (Odenwaldschule, Canisius Kolleg, Regensburger Domspat­zen, Missbrauch durch den Klerus, alle die vielen Kinderheime und Internate). Gerade die jüngsten Missbrauchsskandale in der katholischen Kirche mit ihren hohen moralischen Anspruch haben gezeigt, wie sich aus einer falschen Einstellung heraus (Schutz der Institution; falsche Scham; die Überzeugung, dass nicht sein kann, was nicht sein darf; Barmherzigkeit mit dem Täter) Vertuschung, Verleugnung und Verharmlosung entwickeln können. Und das ist der eigentliche Skandal!

Sobald man sich vom alleinigen Strafgedanken abwendet im Sinne einer opferbezogenen Justiz, ist es viel eher möglich, die vielen Mitwisser und Verharmloser, die das Delikt geduldet haben, endlich zur – zumindest moralischen – Verant­wortung zu ziehen, die Strukturen zu hinterfragen und eine langfristige Verhaltensänderung im Sinne einer umfassenden Prävention zu bewirken. Dazu müssen wir eine Kultur des Hinschauens und Zuhörens initiieren und für ein allgemeines und umfassenden Klima der Übernahme von gesellschaftlicher Verantwortung Einzelner sorgen!

Was sind Aspekte einer wirksamen Prävention? Das beschränkt sich nicht nur darauf, unsere Kinder zu ermutigen, „Nein“ zu sagen, wenn sie sich in einer Situation nicht wohlfühlen. Prävention erfordert letztlich auch, sich Gedanken zu machen über die feinen Wurzeln von Missbrauch und Gewalt in unserer Gesellschaft. Wissenschaftliche Untersuchungen enden oft in einer ungewissen und schwammigen „Dunkelziffer“. Hier endlich für belastbare Zahlen zu sorgen, die das tatsächliche Ausmaß häuslicher Gewalt verlässlich offenlegen, wäre mal ein – zugegebenermaßen schwieriger – Anfang.

Deshalb möchte ich gerne eine öffentliche Diskussion quer durch unsere Gesellschaft anregen!

Die Matriarchinnen sind müde geworden   Leave a comment

Für mein Leben, meine Bewusstwerdung als Mann, war der Feminismus sehr wichtig, weil für mich das übliche Männerbild und die daraus hervor gewachsenen Ansichten (wie „Eisenhans“ von Robert Bly, „Kleine Helden in Not“ von Schnack/Neutzling oder auch das Männerzentrum) kein Vorbild sein konnte. So schaute ich mal, wie das bei Frauen so lief, insbesondere wenn sie keine Männer dabei haben wollten. Ich erkannte, wie sehr eine Diskussion sich verschiebt, sobald ein Mann (oder in Männerrunden eine Frau) teilnimmt, so sehr er sich auch bemühen mag.

Ich begriff allmählich die Bedeutung von Blinden Flecken in der eigenen Wahrnehmung. Bereiche im Bewusstsein, die beim besten Willen nicht erkennbar sind, weil sie vom Verstand unbemerkt ausgebügelt werden. Die Vorstellung von eigenen Ich, mein Verhalten in der Gesellschaft. Die Fragestellung, wer bin ich überhaupt? Wer will ich sein? Der Zwang aus der Kindheit, immer „gut“ sein zu müssen, damit man mich mag.

Die zunächst bittere Erkenntnis, ich bin gar nicht so gut, wie ich mir immer einrede. Und dann zu bemerken, die anderen Menschen mögen mich so wie ich bin, tolerieren meine „Fehler“. Im Gegenteil, genau das ist es, was mich für sie lebendig werden lässt. „Werde ruhig einmal wütend, wir halten das aus!“ ermutigten sie mich. Die eingebläute Angst „wenn du das tust, passiert etwas ganz Schlimmes“ erwies sich als riesiger, am Leben in seiner ganzen Vielfalt hindernder Popanz!

Zum Glück bin ich von Natur aus ein neugieriger Mensch. Ich möchte erfahren, wie alles (oder doch ein möglichst großer Teil davon) zusammenhängt. In der Mechanik, der Technik war mir das bisher auch ganz gut gelungen. Aber im Zwischenmenschlichen hatte ich als introvertierter Mensch kaum Erfahrungen, hatte auch eigentlich keine rechte Vorstellung.

Wie konnte ich diese Lücken in meiner Wahrnehmung füllen? Ich war noch voll von den Ideen der siebziger Jahre. Viele Frauen bemühten sich um die Entdeckung eines eigenen Bewusstseins. Die patriarchale Welt war kein Naturgesetz mehr. Das war für mich ein guter Ansatz. Ich las Bücher über die Überwindung der „erlernten Hilflosigkeit“ von Nicky Marone und andere erhellende Schriften, allesamt aus weiblicher Sicht geschrieben.

Auf der Suche nach Erkenntnisgewinn tauchte ich künftig im Frauenmuseum auf, beim Frauengedenklabyrinth, bei der Uraufführung des Filmes über den Matriarchtskongress in Luxemburg, wo alle deutschsprachigen Rednerinnen versammelt waren. Die Sichtbarwerdung des Weiblichen bedeutete für mich auch das Sichtbarwerden meines eigenen Wesens.

Doch nun sehe ich nach wenigen Jahrzehnten: meine Leitbilder sind stehen geblieben, während die Entwicklung weiterging. Die vielgepriesene zyklische Abfolge „junge Frau“, „reife Mutter“, „weise Alte“ mit den zugeordneten Farben weiß, rot und schwarz wurde nicht umgesetzt. Sie stiegen auf von der Kämpferin zur Matriarchin, aber dort verharrten sie, anstelle ihr Zepter weiterzugeben an eine nachfolgende Generation. So wurden die Matriarchinnen unversehens zur „närrischen Alten“, zu Reptilien. Ihre „Töchter“ wurden nicht von ihnen inthronisiert, die mussten selber sehen, wie sie zurecht kamen. Wenn ich heute im Internet suche, muss ich andere Begriffe wählen. „Matriarchin“ bringt mich mittlerweile zu großen Säugtieren wie Elefanten.

Im Märchen von den drei Wünschen warnt die Fee: „Vergiss das Beste nicht!“ Ihr Rat wurde nicht wahrgenommen, übersehen. Wie war das mit den Blinden Flecken und dem Splitter im Auge der anderen?

Vom Zeitstrahl und vom Staffelholz   Leave a comment

Der lineare Zeitstrahl der Geschichte führt geradewegs aus der grauen Vorzeit in unsere Gegenwart: Steinzeit, Bronzezeit, klassisches Altertum, Mittelalter, Zeit der Aufklärung, eine Abfolge, bis irgendwann die Gegenwart erreicht ist. So hatte ich es gelehrt bekommen.

Was ist mein Bild von Geschichte, die Entwicklung, die ich selbst erlebt habe: die Zeit der 68er? Disziplin und Gehorsam hatten unsere Eltern geradewegs in die Katastrophe geführt. Es folgte die Rebellion gegen unsere Eltern, die Ablehnung ihrer sämtlichen Werte, die Sprengung der alten Grenzen. Zugleich verhinderte aber das Fehlen jeglicher positiver Vorbilder eine grundsätzliche Neuorientierung. Auf erste Überraschungserfolge hin konnten sich deshalb nach einer Besinnungspause alte Strukturen wieder restaurieren.

Parallel dazu erfolgte die Bewusstwerdung durch die Frauenbewegung: in den 1970er und 80er Jahren preschten die Frauen vor unter anderem mit der Vorstellung des zyklischen Geschehens: Tage, Monate, Jahre. Weg vom linearen Männerdenken: „vorbei ist vorbei“! Ich habe das Scheitern erfahren müssen. Das Gleis meiner angestammten Männerwelt führt dem Gelände folgend, am liebsten geradeaus und schnurstracks, bis zum Horizont. Aber auf einmal kommt der Prellbock. Bumms. Aus die Maus. Ende Gelände. Stillstand. Ratlosigkeit. Eine bis dahin für mich unvorstellbare Situation.

Ich musste mich gänzlich neu orientieren. Das alte Muster „wenn was nicht funktioniert, versuche es mit mehr davon, mit größerer Intensität“ führte nicht weiter. Auf „gescheit, gescheiter“ folgte „gescheitert!“. Ich suchte in meiner Männerwelt, auch im „Männerzentrum“, nach Lösungen, las einschlägige Bücher, aber was ich fand befriedigte mich nicht. Zu guter Letzt ein ratloser Blick zu den Frauen: wie machten die das? Ihre Suche nach Selbsterkenntnis. Jenseits des angestammten patriarchal bestimmten Rollenbildes die Entdeckung der Unabhängigkeit der Weiblichkeit: „Wir betrachten gegenseitig unsere Vulva, da wir unsere eigene nicht direkt sehen können“. Das machte mich doch sehr nachdenklich. Vielleicht konnte ich gewisse Dinge an mir auch nicht direkt sehen?

Weiblich geprägtes Denken lehrte mich: auf Abend und Nacht folgt der nächste Morgen, die sich ständig wiederholende Phasen des Mondes, das nächste Frühjahr vertreibt mit jeweils neuen Chancen, mit frischer Blütenpracht den scheidenden Winter. Eine ermutigende Vorstellung, die Erlösung aus der Unabänderlichkeit der Linearität. Du hast in der Regel eine zweite, dritte, vierte Chance. Und darüber hinaus: du selbst magst altern, aber das Leben vererbst du in ständiger Erneuerung an die nachfolgenden Generationen, so wie es seit jeher praktiziert wird. Wenn die Zeit gekommen ist, übergeben die Alten den Hof der Jugend und ziehen ins Altenteil, das Leibgeding, welches ihnen zusteht. So setzt auch die Matriarchin ihre Tochter als stolze Nachfolgerin auf ihren angestammten Platz. Eine Übergabe wie beim Staffellauf.

So wie bei mir. Mittlerweile ist mein Sohn in die Vaterrolle gewachsen, vom Kind und Teenager zum unabhängigen Mann gediehen. Das Wesen der Adoleszenz. Er hat die Verantwortung, die ich in seiner Kindheit hatte, übernommen. Seine drei Töchter sehen mich aus glänzenden, wachen und neugierigen Augen an, wenn ich sie besuchen komme.

Gleichzeitig sind sie ebenfalls in die Jahre gekommen, die Vorreiterinnen der Ideen von Partnerschaftlichkeit und Gleichberechtigung, der Sichtbarwerdung der Weiblichkeit in der gesamten Geschichte der Menschheit: Alice Schwarzer, Heide Göttner-Abendroth, Dagmar von Garnier (Frauengedenklabyrinth), Riane Eisler, … Von der Vordenkerin schon lange zur Matriarchin herangereift. Einige wie Marija Gimbutas sind schon gestorben. Ich frage mich: konnten sie ihr Staffelholz weitergeben im Sinne einer Sichtbarkeit? Wer hat es voller Stolz aufgenommen? Wo sind die Töchter im Geiste, die sie inthronisiert und an ihre Stelle gesetzt haben?

 

Die Illustrationen wurden erstellt mit dem auf Fraktalen basierenden Open Source Programm „Apophysis 7X für Windows“

Vogel flieg!   Leave a comment

Vogel flieg! So habe ich einst als Kind gesagt.

Ich hab mal ein bisschen mit meinen Figuren gespielt.
Nicht zufällig sind sie aus Ton gebrannt.
Ein Material, das deren Verbundenheit mit der Erde, dem Irdischen zeigt.
Ton, Lehm, Mutterboden.
Das bedeutet für mich ein Bezug zum Ursprünglichen, voller Möglichkeiten.
Fruchtbarkeit und Schöpferkraft.
Kreativität.
Eine meiner Figuren, Ausdruck meines Sehnen, habe ich „Vogel flieg“ genannt.

Neulich war ich im Wald spazieren und habe ein paar Fitzelchen Moos mitgenommen.
Nun habe ich meinen verwurzelten Vogel in dieses Moos gestellt,
damit er noch näher an der Erde ist, dem Wurzelreich,
noch verbundener mit dem Ursprung.
Wie eine Insel wirkt dieses Moospolster auf dem Untergrund:
ein fester Halt für den Stamm, der nach oben übergeht in …
… sind es Äste für ein Nest in Geborgenheit,
Flammen einer reinigenden Neugeburt – oder gar
Ausdruck einer Kraft, die nach dem Vogel greift und ihn ängstlich zurückhalten möchte.

Derweil kündigt sich im Gewitterhimmel ein hoffnungsvoller heller Fleck an.
Die Unbegrenztheit des Himmels, in die der Vogel strebt,
trotz aller dräuenden Gewitterwolken.

Im Vordergrund die feinen Moosästchen, das alte Laubblatt,
überschaubar, dadurch letztlich auch einengend.
Mir gefällt die Verbindung von Klein und Nah
zur Weite und Offenheit meiner Installation.
Der Mut, diese Gegenwart genau zu betrachten
und gleichzeitig die Chance zu sehen, diesen Alpdruck hinter sich zu lassen.

Sich von der Sehnsucht des Vogels anstecken lassen,
den Absprung wagen vom Moospolster als kleinem Inselchen,
das seinen Wert erst im Loslassen gewähren kann.

Wenn er nach ein paar kräftigen Flügelschlägen seine Schwingen ausbreitet
ganz im Vertrauen auf die Luft, die ihn so sicher trägt,
und er sich vom Aufwind mitreißen lässt in einem weit gespannten Bogen ins Ungewisse:
offen für das kommende Schöne, das sich am Abendhimmel bereits ankündigt.

Scheinbar unscheinbar   Leave a comment

Eingeweckt

Vielleicht ist Frauendenken und -wirken seit jeher unspektakulär und tritt unscheinbar auf. Die Erfinderin der Hose, des Bieres, des Topfes – keine kennt die Namen. Dabei ist seit den letzten fünfzig Jahren so viel geschehen: wenn ich mir einen aktuellen Dokufilm anschaue, stets sind kompetente Frauen ganz vorne mit dabei. Ganz selbstverständlich. Die Zeiten, wo eine Expedition zum Südpol, zu einem aktiven Vulkan, in den Urwald der Anden eine Männersache war, sind längst vorbei. Frauen leiten ganz selbstverständlich Ausgrabungen, erforschen kilometerweite Höhlen, entwickeln für die Raumfahrt. Hase und Igel: wo mein Männerhase auch hinhoppelt, die Igelfrau richtet sich auf, klopft sich den Staub von der Jacke mit einem munteren „Ich bin schon da!“.

Aufgeweckt

Wenn ich über den Werdegang des Wiesbadener Frauenmuseums nachdenke, kommen mir solche Gedanken in den Sinn. Da gibt es nichts Spektakuläres, wie die Männerwelt es uns vormacht, alle die Ausstellungen, die man unbedingt gesehen haben muss, gar einen Schatz des Priamos.

Gedeckelt

Das Frauenmuseum dagegen führt mich weit über das bloße Konsumieren hinaus zum Bleibenden, was mich im Alltag begleitet wie mein Hemd und meine Hose: nur scheinbar unbedeutend, aber ohne stünde ich nackt da! Blinde Flecken in meiner Wahrnehmung kann ich beim besten Willen nicht sehen, nur über einen Umweg und mit Anleitung erkennen. Z.B. waren es in meinem Leben stets die Frauen, die „mitgemeint“ waren, die doch auch einmal einen Spaß verstehen mussten. Jetzt konnte ich mal die andere Seite kennenlernen. Und ohne die vielen musealen Anstöße (ich erinnere mich an den Einstieg zu einer Traumreise durch die Vulva) zum Nachdenken wäre es mir wohl kaum aufgefallen. Und Nachdenken führt in der Konsequenz manchmal zur Veränderung in meinem Denken, Verhalten, Leben. Und das schafft beileibe nicht jedes Museum.

Also: doch nur scheinbar unscheinbar.

Sicher bewahrt

Die Bilder stammen aus der Ausstellung „Eingeweckt & Aufgeweckt“ (2014) im frauen museum wiesbaden.
von gläsernen Wänden und Deckeln, und wenn’s ums Eingemachte geht.

Veröffentlicht 8. April 2018 von Michael in Gedankensplitter

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Gestalten   1 comment

Von Kindheit an fasziniert mich die Möglichkeit,
mit meinen Händen, meinen Fingern einer formbaren Masse Gestalt zu geben.
Die Möglichkeiten menschlicher Figuren ausprobieren.
Damals waren es einzelne Körper, die für sich standen.
Was strahlt die Figur aus? Wie mag ihre Musik klingen?

Einen Klumpen Ton nehmen – und die Sehsucht der Schöpferkraft spüren.
Der Geist spricht „werde!“ und die Hände folgen dem Begehren, formen, kneten.
Streichen wieder glatt, bauen auf.

Empfindungen Ausdruck verleihen, wo ich noch keine Worte gefunden habe.
Mit Staunen verfolge ich dieses Werden.
Ein Spiel zwischen Geist und Materie, wie es seit jeher geschieht.

Diesmal setze ich zwei relativ neutrale Figuren in Beziehung zueinander.
Sie befinden sich in einem Zwischenstadium: weder erfreut noch niedergeschlagen,
weder besonders locker noch angespannt.
Nicht wirklich ruhend, aber auch nicht aktiv.
Ich kann sie frei einander zuordnen
und mit jeder Bewegung ändert sich der Ausdruck, den ich empfinde.
Welche Gefühle lösen sie dabei in mir aus? Unangenehme? Angenehme?
Gefühlte Nähe – oder Distanz. Hingewandt – oder den Rücken zugekehrt.

Eine der Figuren sitzt erhöht.
Schon wird die Ausgewogenheit zwischen beiden gestört.
Sie sind nicht mehr auf gleicher Augenhöhe.
Wie gehe ich damit um? Gibt es eine Gleichberechtigung? Wie schaut sie aus?

Kann es gelingen?

Veröffentlicht 6. April 2018 von Michael in Gedankensplitter

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Die Mannschaft   Leave a comment

Horst Seehofer stellte ein Bild mit seiner „Mannschaft“ ins Internet. Im „Tagesgespräch“, einer täglichen Sendung des Bayerischen Rundfunks, wurde am 29. März deshalb die Frage gestellt: „Hat die CSU ein Problem mit Frauen?“ Zu Gast war Christine Borst (CSU), die Erste Bürgermeisterin in Krailling.

https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/tagesgespraech/gruppenbild-mit-herren-hat-die-csu-ein-problem-mit-frauen-102.html

Ich bin seit langem dabei, zu überlegen, was wirklich die grundsätzlichen Unterschiede zwischen Frauen und Männern sind. Hier wurde wieder einer sichtbar: wenn Männer ein Ziel im Kopf haben, konzentrieren sie sich darauf, dieses Vorhaben in die Wirklichkeit umzusetzen. Frauen überlegen viel mehr, wie sie solche Vorstellungen in ihr Leben integrieren können. Da ist das persönliche Umfeld, die Familie, der Nachwuchs, der Beruf, die allesamt nicht vernachlässigt werden sollen. Bleibt da noch Zeit und Energie für ein Herzensanliegen wie die Arbeit im Gemeinderat oder ähnliches? Wogegen der Mann viel eher darauf vertraut, dass ihm schon jemand den Rücken für solche Vorhaben freihält.

In der Sendung kommen einige weitere Frauen zu Wort, die sich engagieren, sich zusammenschließen, die mit ihrem Handeln auch Mut machen möchten, Vorbild sein wollen für andere. Frauen in Führungspositionen: „Wir schaffen das!“ gerade auch hier. Frauen, die sich aus diesem Grund überlegen, wie kann man in der Gesellschaft bessere Voraussetzungen schaffen, um Frauen die volle Teilhabe zu erleichtern, indem man zum Beispiel eine Stelle teilt, „gläserne Decken“ sichtbar macht. Männer-Seilschaften bewusst machen: Männer kennen sich oft schon viele Jahre, von der Schule her oder aus der Studienzeit, während Frauen öfter Quereinsteiger sind und ihnen deshalb dieser Rückhalt zunächst fehlt.

Es heißt so oft, wenn eine Laudatio für einen erfolgreichen Mann gehalten wird: „Und all das wäre ihm nicht möglich gewesen, wenn nicht an seiner Seite über alle die Jahre und unermüdlich …“. Frauen, so hat man mir gesagt, schaffen das auch so.