
Illusion: Die junge Sintel auf der Suche nach ihrem Drachenzögling Scales
“Mathematik – die Sprache des Universums” preist sich eine Dokumentation im Fernsehen an. Und so sehen es wohl auch voller Stolz die Mathelehrer und die Naturwissenschaftler. Sie vermitteln uns die Vorstellung von Zahlen als universell gültiger Grundlage bis in die letzten Winkel des Weltalls.
“Gott würfelt nicht!” soll Albert Einstein gesagt haben.

Im Licht der untergehenden Sonne: Es gibt keine Sintel, keinen Tempel, keinen Drachen
Ich liebe Zahlen, diskrete Werte. Da sind in meinen Schränken und Bücherregalen noch sorgsam gehütetete Schätze voller Tabellen und Zahlenangaben: Logarithmentafeln, alle möglichen Siedepunkte und Ausdehnungsfaktoren, die höchsten Berge, die längsten Flüsse, die Zahl der Atome in einem Würfel aus Gas, in einem Liter Wasser, im menschlichen Gehirn, im gesamten Universum. Ja, da sperre ich Mund und Augen auf, so groß sind diese Zahlen! Die Musik Bachs und Mozarts erscheint vielen als erlebbar gewordene Mathematik, Sphärenklänge, zusammengesetzt aus Oberwellen und Harmonischen, aus Schwingungsverhältnissen, rhythmisch gegliedert und strukturiert durch Takt und Zeitmaß.

Nur virtuell: In der Hütte des Schamanen findet Sintel Ruhe und Unterstützung
Was die meisten dabei nicht bedenken: die Welt der Zahlen und Zehnerpotenzen, der Rechenvorschriften und der Naturgesetze ist nur ein Abbild, eine Nachahmung unserer Wahrnehmung der Außenwelt. Es hat mit dem, was wir als Realität empfinden, nicht viel zu tun, es ist lediglich der Versuch einer Beschreibung, dient der besseren Handhabung in der Technik. Keine Blume zählt die Tage bis zum nächsten Frühlingspunkt, kein Baum nutzt irgendeinen Kalender, um sein Herbstlaub pünktlich abzuwerfen, kein Zugvogel orientiert sich an Breiten- und Längengraden auf dem Globus, kein Planet kreist um seine Sonne eingedenk der Keplerschen Gesetze. Das sind nur unsere menschlichen Hilfmittel, weil wir den Sinn dafür verloren haben.

Zum Verwechseln ähnlich: Aus den Augen des Schamanen spricht die Erfahrung eines langen Lebens
Die Welt der Zahlen bedeutet für mich eine Welt der Simulation, der computergenerierten Bilder. Ich bin fasziniert von zu Bildern geronnenen Zahlen und Rechenvorschriften, die eine dreidimensionale Welt der Fantasie auf meinen Monitor, auf eine Kinoleinwand, zaubern auf der Basis von Koordinaten. Reflektionen und Brechungsfaktoren gaukeln mir Gegenstände des Alltags vor: Teekannen, Trinkgläser, die Flammen eines Herdfeuers vermitteln die Illusion von Wärme und Behaglichkeit, anrührende Tränen in den Augen eines Avatars, einer künstlichen Figur in einer virtuellen Welt.

Sintel erzählt von Scales, den sie nach seiner Verwundung pflegte
Die hier gezeigten Bilder dieser Fantasy-Geschichte sind nicht gemalt, sondern aus einem Wust von Zahlen berechnet. Es sind Ausschnitte aus
“Sintel”, einem Kurzfilm des
Durian Open Movie Projects aus dem Jahr 2010. Der Film dient der Weiterentwicklung und Erprobung der
freien Software Blender und wird im
Internet in Kinoqualität bereitgestellt. Die schöne Welt der Allgemeingültigkeit unserer Mathematik und der Naturgesetze. Fast so gut wie echt. Zum Glück aber ist die Realität, die wir als Natur, als unsere Heimat Erde mit allen ihren Bewohnern wahrnehmen, ganz unabhängig davon.

Scales und Sintel schauen sich tief in die Augen: Ein Blick sagt mehr als tausend Zahlen

Im Fernsehen wurde eine Dokumentation über ADHS-Kinder gezeigt, Kinder mit Aufmerksamkeitsstörung, die aber dadurch selbst mehr Aufmerksamkeit benötigen. Daher werden solche Kinder als eine “Störung” des “normalen” Betriebs im Kindergarten, später des Schulablaufs empfunden. Träumerliese und Zappelphillip werden sie oft genannt. “Vielleicht brauchen Kinder einfach mehr als eine möglichst sorgfältige Vorbereitung auf ihr späteres Berufsleben” sagt der Neurobiologe Gerald Hüther: “Vielleicht brauchen die auch Räume, in denen sie was entdecken können, in denen sie was gestalten können. Vielleicht brauchen Kinder Abenteuer.”
Der Dokumentarfilm begleitete elf Jungen bei einem achtwöchigen Aufenhalt auf einer Alm in den Alpen. Der Projektleiter Gerald Hüther: “Das sind richtig starke Kinder! Also, es sind eigentlich die Kinder, die wir uns für die Zukunft dieser Gesellschaft wünschen könnten! Es sind Kinder, die sich nicht funktionalisieren lassen. Man nennt das “schwer erziehbar”. Aber es sind im Grunde genommen, es sind Kinder, die man nicht verbiegen kann. Was man machen kann, und das machen wir da oben in der Alm, man kann sie ermutigen und man kann sie inspirieren, eine neue Erfahrung zu machen.”
Und weiter: “Wir wollen Kinder so stark machen, dass sie erstens Selbstvertrauen gewinnen, dass die merken, ‘ich kann was’. Und zweitens, dass die auch merken, ich bin für eine Gemeinschaft bedeutsam, und diese Leute in der Gemeinschaft sind für mich bedeutsam.”
Vielleicht sollte es endlich normal werden, solche Kinder als wertvolle Bereicherung anzuerkennen, hin zu einer Förderung aller Kinder als Individuen. Vielleicht sollten wir unsere Vorstellung, was “normal” ist mal grundlegend erweitern. Es ist normal, anders zu sein als alle anderen, sonst wäre man doch nicht die oder der Andere. Um sich als einmaliges Individuum erleben zu können, müssen wir uns von allen anderen unterscheiden können. Und das nicht nur, weil wir einen anderen Aufkleber auf dem Auto haben.
Betreuer Rüdiger zieht das Fazit: “Es war einfach fantastisch. Und egal, wie man jetzt über die ADS-Geschichte denkt, können wir euch einfach sagen, dass da oben einfach elf kernige Jungs waren. Aber es war einfach eine bewegende Zeit, es waren bewegende Erlebnisse und es war in der Fülle einfach ein Riesen Geschenk.” Als er das sagt, stehen ihm die Tränen in den Augen.
So wie jetzt auch mir, weil ich es genauso erlebt habe. Ich reiste während meiner letzten fünf Schuljahre alljährlich auf eigene Faust in die großen Ferien. Von der ersten bis zur allerletzten Stunde war ich weit weg von meiner Familie auf einem Bauernhof in Österreich. Ich war plötzlich geschätzt und nicht mehr das ewige Sorgenkind, ich konnte sinnvolle Arbeit leisten, sechs Wochen lang kein “wenn du dir etwas mehr Mühe gegeben hättest” und kein “ach, Bub, warum bist du nur so faul!”, ich empfand mich sechs Wochen lang nicht als Fremdling und komischen Außenseiter. Ich war abends müde und so glücklich.

Das ist schon komisch. Ich bin von meiner Einstellung her sehr wertschätzend und konservativ, aber mit den Menschen, die sich üblicherweise “konservativ” nennen, habe ich kaum etwas gemeinsam. Um mal den Blick auf ein Geschehen des täglichen Lebens, des eigene Haushaltes zu lenken: mit dem Bewahrenden eng verbunden ist ein tägliches gründliches Durchlüften. Das ist wie bei meinem Bett. Wenn ich es nicht pfleglich behandele, die Kissen nicht aufschüttele, die Bettdecke nicht zum Auslüften an die frische Luft hänge, oder das Ganze regelmäßig frisch beziehe, wird es bald sehr muffig riechen. Oder umgekehrt: Evolution braucht Herkunft und Tradition als feste und zuverlässige Basis, von der aus eine Weiterentwicklung erfolgen kann. Deshalb habe ich auch aus meiner respektvollen und konservativen Haltung heraus so viele Überlegungen und Entwicklungsvorschläge.
Wenn uns jetzt eine Kristina Schröder ein Elterngeld aufdrücken will aus scheinbar konservativen Begründungen heraus, so müssen wir uns klar machen, was für ein neumodischer Unfug diese “Heimchen am Herd”-Haltung und damit verbunden die übertriebene Brutpflege ist. Das hochstilisierte und überfordernde Bild der leiblichen “Mutter”, die durch den Vorgang der Geburt über ganz spezielle Eigenschaften verfügt und sich anschließend per Naturgesetz aufopferungsvoll um ihr Kind kümmert und die zudem das alleinige Wissen hat, was gut für ihr Kind ist, ist eine Fiktion. Und die Vorstellung, dass sich sonst so gut wie niemand darum zu kümmern braucht, ist entwicklungsgeschichtlich sehr jung und auch nirgends verankert. Mutter und Kind, die sich in der Realität nur allzu oft in einer Zweierbeziehung gegenseitig ausgeliefert sind.
Eine alte Weisheit, die sich in meinem Leben oft bewahrheitet hat, lautet: “Um ein Kind zu erziehen, braucht man ein ganzes Dorf”. Aber wenn ich heute bei uns schaue, so frage ich mich: “Wo ist dieses so wichtige Dorf eigentlich hingekommen?” und meine Gedanken beschäftigen sich anschließend damit, wie man heute diese Dorfgemeinschaft irgendwie nachbilden kann.
Kinder brauchen erstens andere Kinder um sich herum. In meiner Kindheit war das die “Straße”, wo ganze Kinderschwärme in den Höfen und Gassen “Ochs am Berg”, mit Ball, Hüpfseil, Klickern und anderen Sachen spielten, wo sie auf die Bäume kletterten, wo sie heimlich Feuerchen machten, wo sie sich sozialisierten und nebenbei lernten ihre Konflikte zu regeln.
Zweitens waren da immer auch Erwachsene, wo sich Kinder etwas abschauen konnten. Wie die Kinder auf dem Dorf auf einem Traktor, so saß ich als Stadtkind oft auf einer der vielen Baustellen seitlich auf dem Tank einer Planierraupe, ließ die Füße knapp über der hurtig klappernden Kette baumeln und erfreute mich an dem Dröhnen des Motors und der bulligen Kraft der Maschine. Heute stehen über all gelbe Schilder “Betreten der Baustelle verboten!”, die Arbeitswelt der Erwachsenen ist viel zu sehr abgeschottet, Kinder sind zum Störfaktor geworden.
Ich erlebe die Auseinandersetzung ums Elterngeld, auf der anderen Seite die Diskussion um die Finanzierung der Krippen-, Kindergarten- und Hortplätze, aber ich sehe kaum, dass jemand die Bedürfnisse der Kinder in seine Überlegungen einbezieht. All das muss erst einmal bezahlt werden, heißt es. “Können wir uns das leisten?” wird gefragt.
Dass wir Menschen doch nicht so stromlinienförmig nach PISA-Leitlinien erziehbar und dann unbegrenzt belastbar sind, merkt man an den Verlagerungen der Krankheitsbilder der Erwachsenenwelt. Burn-Out-Syndrom und Depression sind, nicht nur für die Krankenkassen, ein bedeutender Wirtschaftsfaktor geworden. Und so frage ich zurück: “Können wir uns DAS wirklich leisten? Nämlich den großen Anteil an desillusionierten und verzweifelten Kindern, aus denen nach relativ wenigen Jahren Berufsleben einmal ausgebrannte und depressive Erwachsene werden, verschlisssen und mit vergeudeter Schaffenskraft?”
“Aber dann wird das alles noch teurer! Mehr Personal bedeutet höhere Kosten!” Ich beantworte das mit einer ganz einfachen Frage: “Was ist denn essentiell wichtig?” und zwar mit der gleichen Intensität wie “Wenn Du noch eine Woche, einen Tag zu leben hättest, was würdest Du tun?” Politiker sprechen gerne von Leitkultur und Wertesystem. Was das alles wert ist, können wir an dieser Stelle sehr gut messen: auf Heller und Pfennig!

Auf Empfehlung einer Freundin habe ich mir im Fernsehen eine Talkrunde angeschaut. Um eine möglichst aufgewühlte Runde zu präsentieren, hatten die Initiatoren der Runde Menschen mit einem sehr gegensätzlichen Naturell eingeladen. Menschen, die schon manche Entscheidung in ihrem Leben getroffen hatten und deshalb auch ihre (durch viele dieser Runden bereits bekannten) festen Ansichten wie Schutzschilde vor sich her trugen.
Die Wortschlacht hinterließ mich denn auch innerlich erregt, aber als ich mich am Ende fragte, was jetzt meine neuen Erkenntnisse zur Thematik der Sendung sind, da konnte ich mich nur am Kopf kratzen und sinnend auf die Wand vor mir blicken. Das war, wenn ich es so vergleichen kann, eine Schlacht am Schachbrett, wobei die Figuren zum Ende doch wieder so standen wie zu Anfang.
Ich habe die Idee, man sollte stattdessen eine Runde Kinder und pubertierender Jugendlicher einladen und befragen. Das würde uns als ein erstes Ergebnis bringen, die Frage so zu formulieren, dass diese überhaupt etwas damit anfangen können. Zweitens wären sie in ihren Gedankengängen noch nicht so eingefahren und man könnte ganz gewiss noch einige neue Sichtweisen erfahren. Kinder können noch einander einen Ball zuspielen und im Spiel ihre Standorte wechseln, was uns hier sicherlich zugute käme.
Ich finde es bezeichnend, wenn anscheinend gebildete Menschen sich zusammen setzen und auch durch das Eingreifen eines Moderators nicht in der Lage sind, ein konstruktives Gespräch miteinander zu führen, wo Argumente aufeinander aufbauen, und wo am Ende ein wie auch immer gearteter Konsens als Bereicherung für alle gefunden wird. Um mal eine adäquate Sprache zu benutzen: einige verschießen ihre Argumente als eine Art Munition, freuen sich über die Schlagkräftigkeit ihrer Worte, die treffen und möglichst wie Bomben einschlagen sollen, um die als Gegner betrachteten übrigen Teilnehmer zumindest für den weiteren Verlauf des Abends schachmatt zu setzen. So gleicht eine Fernsehrunde mehr einem vom Sessel aus durchgeführten Ritterturnier, das allerdings zum guten Schluss seiner öffentlichen Siegerehrung durch die zuschauenden Frauen und Burgfräulein beraubt ist.
Schade eigentlich. Das würde manchmal gut passen.


Bei uns hat ein Restaurant neu aufgemacht und so haben wir mal einen gemeinsamen Abend bei überaus leckerem indischen Essen verbracht. Die kleinen Kupferkesselchen auf den Stövchen, in der Mitte eine Schüssel mit duftendem Basmatireis. Ein Fest für die Geschmacksknospen auf der Zunge, dazu fliegen die Sätze zunächst in deutsch, aber als dann der Wirt und endlich der Koch an unseren Tisch kommen, zunehmend in englisch und hindi über den Tisch. Was uns verbindet, ist viel wichtiger (unser Lachen, unsere Lebensfreude) als die Dinge, die uns unterscheiden: Kultur, Hautfarbe, Kleidung. Das verblasst zu reinen Äußerlichkeiten.
So bin ich heute Morgen glücklich und zufrieden aufgewacht. Gedanken ziehen durch meinen Kopf. Ich finde, es ist mal wieder Zeit, allen den lieben Menschen, die ein Stück ihres Lebens mit mir teilen, die mir ihre Liebe und Zuneigung schenken und die mein Leben so lebenswert machen, Dankeschön zu sagen.

Menschen aus allen Teilen unserer Welt, die mir ihre Gedanken und Lebensart nahebringen, aber auch ihr immer ein wenig fremd Fühlen. Die Normalität ihres Anders-seins. Sie schenken mir ihren von außen auf mich gerichteten Blick. Sie vermitteln mir ihr Vertrauen und ihre Sicherheit im Angesicht von Ungewissheit und den Unwägbarkeiten des Lebens. Ich erlebe ihre Großzügigkeit. Es sind Menschen, die ihren Lebens- und Gefühlreichtum mit mir teilen und so ganz außerordentlich vermehren. Keine Angst mehr, dass wir uns gegenseitig etwas wegnehmen, ganz im Gegenteil!
Ein komischer Einfall: ich habe den Eindruck, dass Menschen, die alles an sich ziehen, Geld und Besitz anhäufen, auf eine bestimmte Art immer ärmer werden, während andere, die mit großzügiger Hand austeilen (das könne ja ruhig immaterielle Güter sein), von Wachstum und Gedeihen umgeben sind.
Danke!

Ich möchte einfach mal diese Absätze und Textstellen unkommentiert nebeneinander stellen:
Jörg Hess, Zoologe und Gorillaforscher: “Wir Menschen teilen mit den Menschenaffen die Wurzeln unserer Kommunikation. Doch bei uns sind viele dieser Erinnerungen verschüttet. Es besteht aber vielleicht die Möglichkeit, auf intuitivem Wege einen Gorilla ganz rudimentär zu verstehen. Das ist spekulativ, und es gibt viele Forscher, die diese intuitive Art des Vorgehens strikte ablehnen. Doch ich habe genügend Erlebnisse dieser Art gehabt, die zeigen, dass ein solches Verstehen möglich ist.”
George B. Schaller, Naturforscher und Umweltschützer: “Niemand, der einem Gorilla in die Augen schaut – mit ihrem intelligenten, sanften und verletzlichen Ausdruck, bleibt unberührt, denn dieser Ausdruck lässt alles trennende zwischen Menschenaffe und Mensch verschwinden; wir wissen, dass der Gorilla noch immer in uns lebt. Ob die Gorillas diese uralte Verbindung wohl auch erkennen?” (beide Zitate sind entnommen aus Florianne Koechlins Buch “Mozart und die List der Hirse: Natur neu denken”, 2012)
Solche Momente übergreifenden Verständnisses kenne ich auch aus meinem Leben, immer wieder ergreift mich das Gefühl eines grundsätzlichen Verbundenseins mit anderen Menschen, mit Tieren, mit der Natur. Ich erlebe mich einerseits als Individuum, manchmal in existenzieller Einsamkeit, aber gleichzeitig empfinde ich mich als Teil eines umfassenden Ganzen, Teilhaber einer schöpferischen Idee, ein winziges Stück der fortstürmenden Evolution.
In einer S-Bahn, die wegen Oberleitungsschaden nicht mehr weiterfuhr, bin ich mal von einer entzückenden jungen Frau asiatischen Einschlags in hellem Sommerkleid angesprochen worden. Ihre zierlichen Hände waren mit durchsichtigen Spitzenhandschuhen bekleidet. Wir konnten uns nur mit einfachem Englisch verständigen. Ich kannte eine alternative Fahrtmöglichkeit, konnte ihr weiterhelfen und begleitete sie also ein Stück. Zum Abschied schauten wir uns an – und da war sie spürbar, diese Verbindung über alle Schranken hinweg. Ein kleiner, sehr intensiver Moment, wo alles grenzenlos einfach war. Vertrautheit und Verständnis. Kein Stand, keine Kultur, keine Religion, keine Hautfarbe, nur Menschlichkeit.
Hans-Peter Dürr hat es einmal mit Wasser verglichen: ein Wassertropfen ist als isolierter Körper wahrnehmbar, aber wenn er in einen See fällt, geht das nicht mehr. Noch besser gefiel ihm dieses Bild von der einzelnen Woge im Ozean, vielleicht noch mit Schaumkrone, die man klar umreißen und abgrenzen kann. Aber je weiter man nach unten geht, umso mehr wird sie zum Meer.

Wieder einmal sind die Medien voller Empörung über junge Steinewerfer. Die Stimmung wird von unseren Politikern populistisch aufgeheizt. Ängste werden geschürt. Es ist die Stunde der weisenden Arme und ausgestreckten Zeigefinger, der verbalen Radikalisierungen und der Forderungen nach strengeren Maßnahmen.
Wieder mal offenbart sich die Hilflosigkeit der Gewaltigen und Mächtigen. Es wird laut gefragt: “Wie dämmen wir das ein?” Das Universalrezept unserer gesellschaftlichen Lichtgestalten dafür lautet seit Jahrhunderten: Gewalt wird mit größerer Gegengewalt im Zaum gehalten. Und wir müssen schön einteilen in gute Gewalt (das ist unsere Gewalt) und in böse Gewalt (das sind natürlich die anderen). Nur so können wir es, auch vor uns selbst, rechtfertigen.
Ich habe ganz bewusst das Wort “natürlich” einfließen lassen. Es erscheint uns als ein fundamentales Naturgesetz. Die Formulierung “von Anbeginn zu Anbeginn” schießt mir durch den Sinn. Das verstellt vielen Menschen den Blick auf Alternativen. Die Natur ist nicht so klar und simpel, wie unsere Weisen uns gerne glauben lassen möchten. Sie bietet stets einen ganzen Strauß von Möglichkeiten an. Auch die Zellen in unserem Gehirn beispielsweise sind sämtlich sehr komplex mit ihren Nachbarinnen in alle Richtungen durch zahllose Synapsen verbunden. Entsprechend groß ist die Vielfalt unserer Gedanken auf dem Weg zu Lösungsmöglichkeiten.
Eine Idee wäre mal, anstatt einen neuen Arbeitskreis zu bilden unseren “gesunden Menschenverstand” zu verwenden. Eine hilfreiche Frage könnte nicht lauten: “Wie dämmen wir unsere zornigen jungen Leute ein?”, sondern statt dessen könnten wir uns zusammensetzen und diesen Menschen einfach nur zuhören, die Voraussetzung für einen Dialog. “Wir haben nicht ohne Grund zwei Ohren, doch nur einen Mund” habe ich neulich wieder gelesen.
Aber ja, das alles bereitet (vor allen Dingen unseren tapferen Helden mit ihren vorgefertigten Argumenten aus ihrer Maßkonfektion) Riesenängste. Es hieße ja, anstelle von dem bisher üblichen Flickwerk wäre das ganze Schnittmuster zu ändern, neu zu entwerfen. Kreativität wäre gefordert, Neues und vielleicht sogar Unbekanntes wäre auszuprobieren.
Diese Bereitschaft zu grundlegenden Veränderungen vorausgesetzt, führte der Einbezug des ICH, also der Sichtwechsel von der Objektivierung zur Subjektivierung, letztlich zur gefährlichsten und intimsten Frage: “Was muss mir selbst passiert sein, damit ich bereit bin einen Stein in die Hand zu nehmen? Wie muss ich mich fühlen, damit ich keinen anderen Ausweg sehe, als Pflastersteine zu werfen auf all das, was mich erdrückt und kaputt macht?”

Die Geschichte von der Neiddebatte wird gerne von gewissen Leuten aufgetischt, zum Beispiel um Menschen, die im Prekariat leben (und sich dort nicht wirklich wohl fühlen), ein schlechtes Gewissen zu verursachen. Es ist nichts weiter als ein geschickter Schachzug derer, die den Hals nicht voll genug kriegen können, die Realität einfach auf den Kopf zu stellen. Denn im rechten Licht betrachtet erweist sich, was unsere Gesellschaft so nachhaltig schädigt, ist nicht die schamlose Gier der vielen, für die unsere Gesellschaft keinen gerecht entlohnten Arbeitsplatz bereithält und die sich dann auch unter der Woche vermeintlich leistungslos in der Sonne räkeln können. Es ist der unverhohlene Neid der Besitzenden auf die, die immer noch etwas haben, was man ihnen aus der Tasche ziehen kann und was jene sich folglich gerne aneignen würden. “Das Geld wird mit den kleinen Leuten, den Armen verdient” ist eine alte Weisheit der Kaufleute.
Der ständige Wunsch, für sich zusätzlichen Gewinn abzuschöpfen und deshalb niedrige Löhne noch etwas niedriger zu gestalten, die Arbeitsplätze noch etwas unsicherer machen, die Angst und den Stress zu vermehren, damit andere Menschen bereit sind, auch unter schlechteren Bedingungen ihr Brot zu erwerben und soziale Absicherung, früher mal aus guten Gründen paritätisch geregelt, noch mehr den Arbeitenden aufzulasten, ist für manche Menschen die Motivation zum Handeln. Eine Taktik der vielen kleinen Schritte, ein permanentes Ausloten und Nachrücken der Grenzen zum Unerträglichen hin: Wie weit kann man gehen? “Geiz ist geil!” rufen sie uns zu und lächeln uns an: “Ich habe halt ein einnehmendes Wesen”. Tja, was soll man da machen. Wo Tauben sind, fliegen Tauben hin.
Unzählig sind die Phrasen in der Art eines: “Arbeit muss sich wieder lohnen!” Dabei hat sie sich für viele Menschen noch nie gelohnt. Der Blick wird gerne auf Arbeitslose gelenkt, die ohne Arbeitsleistung Hartz IV beziehen. Begriffe wie “Sozial-Schmarotzer” machen in unzähligen Talkshows die Runde, aber nur wenigen Menschen wird bewusst, dass ihr Blick dabei von den Medien in eine ganz falsche Richtung gelenkt wird. Denn die Leute, die unsere so teuer erkämpfte Solidargemeinschaft hemmungslos ausnutzen, sitzen am oberen Ende des Tisches. “Dafür muss ein normaler Werktätiger” sagt die Fernsehmoderatorin nachdenklich, “eintausend Jahre lang arbeiten gehen.”

“Sei doch vernünftig” flehte meine Mutter mich oft und mit den Jahren zunehmend verzweifelt an, wenn sie meine Schwierigkeiten in der Schule sah, wenn ich versuchte, ihr meine Gedanken mitzuteilen oder gar meine Zukunftspläne. Doch hinter diesem “vernünftig” verbarg sich für mich eine Horrorvorstellung.
Meine ersten Begegnungen mit Computern hatte ich in den Jahren um 1968. Da hießen sie noch hochtrabend “Elektronengehirne”. Die Eingabe der Zahlenwerte erfolgte “oktal” und computergerecht über Kippschalter. Wir träumten von “künstlicher Intelligenz”. Alles schien machbar und berechenbar, man presste alles in beliebig komplexe Flussdiagramme, “digital” war das große Zauberwort. Ich beschreibe dies, weil es zeigt, wie diese Technik für mich greifbar und damit begreifbar für mich wurde. Ich konnte sie sozusagen in die Hand nehmen und den Weg der Elektronen durch die (damals noch relativ simplen) Schaltungen quasi mit bloßem Auge verfolgen.
Es war das goldene Zeitalter der Beherrschbarkeit der Natur. Wissenschaft als unbeirrbarer Glaube, der mir wie der unvermeidliche Lebertran reingezwängt wurde. Unsere Wissenschaftler und Forscher zählten demnach zu einer nicht hinterfragten Elite einer allen anderen Geschöpfen weit überlegenen Menschheit. Tiere wurden damals per Definition als eine Art belebter und sich selbst reproduzierender Automaten gesehen, als Verfügungsmasse für unsere Ernährung und unsere “wissenschaftlichen” Experimente. Im Gegensatz dazu und weit oben drüber stand der “vernunftbegabte” Mensch als Krone der Schöpfung. In diese Welt der westlichen Höhenflüge und Allmachtsphantasien hinein platzte 1967 ein ernüchterndes Buch des Zoologen Desmond Morris “Der nackte Affe”, in dem er uns zeigte, wie erschreckend nah wir in unserer Entwicklung und unserem Verhalten noch unseren Verwandten im Tierreich sind.
Einige wenige Wissenschaftler haben inzwischen gelernt genauer hinzuschauen. Sie entdecken verwundert bei Tieren und selbst bei Pflanzen immer mehr Strukturen und Vorgänge, wie sie flexibel z.B. auf Umweltveränderungen reagieren und miteinander – auch artübergreifend – kommunizieren. Das stellt unsere simple Weltordnung gründlich infrage und erfordert neue Erklärungen.
Heute beobachten wir entgeistert unsere Politiker und die ihnen zuarbeitenden Professoren und suchen nach der hinter ihren Handlungen liegenden Logik gemäß unserem Verständnis von “Vernunft” und “Ratio”. Wir lassen uns die Algorithmen eines globalen Marktes von einem der Finanz- und Kapital-Manager erklären und versuchen verzweifelt, sie irgendwie zur Deckung mit unserer erlebten Realität zu bringen. Wir nehmen unsere vielfältigen Intelligenztests in die Hand und fragen uns ratlos: “was ist überhaupt Intelligenz?” und am Ende: “Ist unser bewusstes Denken nur eine hauchdünne, verletzliche Schicht auf unserem alten Reptiliengehirn? Ist der ‘rational handelnde Mensch’ in letzter Konsequenz nur eine Illusion?”
Während ich so meinen Gedanken nachhänge, schaut mich der kleine Nachbarsjunge verschmitzt an, dann nimmt er das mit Formeln übersäte Blatt Papier aus dem Methodenkoffer der Pädagogik-Lernwerkstatt und faltet sorgfältig einen Flieger daraus, den er schon bald mit einem Lachen und Jauchzen aus dem Fenster wirft, wo er mit großer Leichtigkeit und Eleganz in weiten Kreisen in den Hof gleitet.
Was sollen wir mit solchen Kindern machen, wenn wir sie nicht auf eine der Trivialisierungsanstalten, wie Heinz von Foerster unsere Schulen nannte, schicken wollen, wo ihnen ihre überspringende Fantasie, alle Kreativität, jegliches freie Denken ausgetrieben wird?

So, das war gestern Abend mal wieder ein großer Zapfenstreich, diesmal für Christian Wulff. Dunkelheit hat sich über den Hof des Schlosses Bellevue gesenkt, mühsam und gespenstisch erhellt von den Fackeln des Wachbataillons. Der unruhige Lichterschein macht die aufsteigende Finsternis so recht bewusst. Als Mensch, der im Bildungsbürgertum sozialisiert wurde, steigen Bilder in mir auf. Große Oper mit monumentaler Kulisse aus Dachlatten und Pappmaché. Die Zauberflöte von Wolfgang Amadeus Mozart. Erwartungsvoll öffnet sich der Vorhang und gibt den Blick auf die Säulen des antiken Tempels frei. Musik geleitet uns in eine Stimmung überhöhter Feierlichkeit. Theaterdonner. Gemessenen Schrittes der Aufzug der Priester. Schließlich würdevoll das Erscheinen des Hohepriesters. Sarastros sonore Bassstimme kündet mit hohlem Klang vom Sieg von Weisheit, Vernunft und Tugend.
Mens sana in campari soda. Vor meinem geistigen Auge marschieren sie alle vorbei, hoch erhobenen Hauptes, jene Helden des humanistischen Gymnasiums, Altphilologen, Schreckgespenster meiner Jugendjahre, ihren Goethe und Kant im Herzen. Platon, das antike Ideal einer ethisch-kulturellen Höchstentfaltung: “Der Mensch ist das Maß aller Dinge”. Hier hat es uns bis heute hingeführt, hier in den Schlosshof “Zur schönen Aussicht”. Die Musiker des Heeresmusikkorps intonieren mittlerweile passend dazu “Somewhere over the rainbow”. Ein Kinderlied für einen kleinen, verlassenen Jungen.
Überblendung in “Aida”. Ein neues Bild aus meiner Erinnerung baut sich in mir auf. Gleißendes Licht der Scheinwerfer. Stolze Triumph-Züge, Ramses, Ägyptens Pharao, empfängt seinen Heerführer Radames. Aufzüge, die letztlich für Radames in einem unterirdischen Gewölbe enden. Erdrückend schließt sich über ihm der letzte Stein, während man von Ferne den Chor der Priesterinnen hört. Noch lange bleibt mir ein beklemmendes Gefühl …
Großer Zapfenstreich.
“Laßt ihn hinfahren!” sagt der Räuber am Ende des Stückes bei Friedrich Schiller: “Es ist die Großmannsucht. Er will sein Leben an eitle Bewunderung setzen.”
Und bei Wilhelm Busch heißt es hoffnungsvoll:
“Diese war der sechste Streich,
doch der letzte folgt sogleich”.
Und er dichtet weiter:
Als man dies im Dorf erführ,
War von Trauer keine Spur …
“jajaja!” rief Meister Böck:
“Bosheit ist kein Lebenszweck!”
Drauf so sprach Herr Lehrer Lämpel:
“Dies ist wieder ein Exempel!”
Doch der brave Bauersmann
Dachte: “Wat geiht meck dat an!”